Auf dem höchsten Berg Sloweniens – Triglavbesteigung in 2 Tagen

Die Idee

Es gab Zeiten, in denen habe ich recht viel Sport gemacht. Da hätte ich mich sogar als sportlich bezeichnet. Spätestens seit ich ohne Wohnung durch Europa reise, ist mein Sport jedoch auf Spaziergänge reduziert. Beim Segeln bewege ich mich meistens sogar noch weniger. Wenn ich also sage, dass es mit meinem aktuellen Fitnesslevel eine ziemliche Schnapsidee ist, auf den höchsten Berg Sloweniens zu klettern, dann ist das die Wahrheit. Aber Schnapsideen haben so ihren besonderen Reiz, vor allem wenn Michael dabei ist und ein großer Fan vom Umsetzen von Schnapsideen ist. Ohne ihn hätte ich das Ganze wohl nie gewagt.

Jetzt aber einmal von vorne: Bei einem Segeltörn auf Sardinien, den ich über Hand gegen Koje gefunden habe, habe ich Michael kennengelernt. Wie ich reist er ohne Wohnung und Enddatum umher, nur macht er das ganze schon ein bisschen länger. Sein Hauptreisemittel ist sein ausgebauter Van und in eben diesen hat er mich für eine Woche eingeladen. Also ging es gemeinsam durch Österreich und Slowenien. Ich wollte unbedingt etwas Großes, Besonderes unternehmen. So habe ich angefangen zu recherchieren, ob man so einfach auf den Triglav raufwandern könnte. Einfach nicht unbedingt, aber große Hindernisse waren auch nicht zu finden.

Der Triglav ist mit 2864 Metern Höhe der höchste Berg Sloweniens und zählt damit zu den Seven Summits der Alpen. So werden die höchsten Berge der jeweiligen in den Alpen liegenden Länder bezeichnet. Auf 2150 Metern Höhe befindet sich eine einfache Hütte, in der man ein Bett und etwas zu essen und zu trinken bekommen kann. Der Startpunkt für die einfachste Wanderung auf den Triglav liegt in Trenta auf etwa 700 Metern. Man kann den Triglav in ein oder zwei Tagen besteigen, je nach Lust und Fitnesslevel.

Die Vorbereitung

Uns war recht schnell klar, dass wir den Aufstieg und Abstieg niemals an einem Tag schaffen würden. Dafür machen wir beim bergauf wandern einfach viel zu oft Pausen, sodass wir um einiges langsamer sind als die angegebenen Zeiten. In der Hütte waren an dem Tag, an dem wir starten wollten, noch genau zwei Betten frei und so war es entschieden. Wir würden am ersten Tag die 1400 Meter zur Hütte hinauf gehen. Am nächsten Morgen würden wir die 700 Meter bis zum Gipfel in Angriff nehmen und anschließend den vollständigen Abstieg bewältigen. Oh Gott, worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Außer meinen Wanderschuhen war meine Ausrüstung quasi nicht vorhanden. Und überall stand etwas von Hüttenschlafsack – was war das und wo bekam ich das her? Kurzerhand suchte ich nach einem Sportgeschäft und wurde keine 5 Minuten von unserem Stellplatz fündig. Dort rüsteten wir uns aus: Hüttenschlafsack für uns beide, eine Wanderhose mit Reißverschluss zum Bein kürzen für mich und einen neuen Rucksack für Michael. Danach Foodshopping für unterwegs: Wasserflaschen, Müsliriegel, Pasta, Obst, Snacks.

Die Nacht vor unserer Wanderung verbrachten wir auf einem Campingplatz ganz in der Nähe des Startpunktes. Im Triglav Nationalpark ist Wildcampen leider strengstens untersagt und genau das hat uns ein Ranger auch noch einmal sehr deutlich gemacht. Wir bereiteten abends so viel wie möglich vor, um am nächsten Tag nur noch in die Klamotten hüpfen zu müssen. Gut gelaunt (Michael) und etwas skeptisch (ich! Außerdem hatte ich seit ein paar Tagen starke Zahnschmerzen, die das ganze Unterfangen sicher nicht einfacher gemacht haben) ging es dann zum Parkplatz. Rucksack aufsetzen, Auto abschließen und los in Richtung Triglav. Die ersten Kilometer liefen sich sehr gut, da der Weg nur eine sanfte Steigung hatte. Der Himmel war strahlend blau, die Temperatur genau richtig.

Der Aufstieg – Tag 1

Nach einigen Kilometer wurde der breite Weg dann zu unserem Wanderweg, der sich in nie aufhörenden Serpentinen den Berg hinauf schlängelte. Da Michi etwas flotter unterwegs war als ich, ist er öfter mal ein Stück vorgegangen und hat dann auf mich gewartet und so nicht mitbekommen, dass ich nach fast jeder Kurve erst einmal schwer atmend stehen geblieben bin. Aber Stück für Stück ging es weiter und die Aussicht wurde immer beeindruckender. Umgeben von Tannenwäldern stachen die hellgrauen und spitzen Berge vor dem azurblauen Himmel hervor, weiter unten grüne Wiesen und am Horizont viele weitere Berggipfel. Irgendwo bei der gefühlten Hälfte unserer Strecke machten wir dann eine lange gemütliche Pause, in der wir unsere leckere Pasta mit Gemüse verspeisten – Michael wollte lieber liegen und kam so in den Genuss einer Fütterung.

Als die Motivation nicht wirklich größer wurde und die Beine auch nicht munterer, ging es weiter bergauf. Langsam wurden die Bäume flacher, bis irgendwann nur noch Sträucher und Blümchen übrig blieben. Schließlich waren wir nur noch von grauen Felsen umgeben. Und dann sahen wir sie: Dort oben, ein ganzes Stück über uns war eine winzige Hütte zu sehen! Unser Tagesziel. Ein wenig spürte ich neue Kraft in meinem Körper und so bewältigten wir das letzte Stück. Was für ein Gefühl: 1400 Höhenmeter hatten wir geschafft. 700 sollten noch folgen. Meine eigenen Beine und Michis Ruhe, Geduld und Zuversicht hatten mich bis hierhin getragen. Zur Belohnung gab es erst einmal ein Bier. Am Nachmittag ging es für Michi Fotos machen und für mich ins Bett. Die Zahnschmerzen und allgemeine Erschöpfung hatten dazu geführt, dass ich fror und nicht mehr aufhörte zu zittern. Mit Fleecejacke und zwei Decken lag ich dort und versuchte ein wenig zu schlafen. Am Abend gab es noch einen Eintopf und dann eine mehr oder weniger erholsame Nacht.

Der Aufstieg – Tag 2

Der nächste Morgen weckte mich mit Zahnschmerzen und es fiel mir wahnsinnig schwer, etwas zu essen. Gleichzeitig verlangte mein Körper so dringend danach, um mit der Anforderung des Tages zurechtzukommen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten meinerseits wanderte es sich erstaunlich gut. Der Weg ging nicht nur bergauf, sondern auch mal auf einer Ebene voran und es waren keine gleichbleibenden Serpentinen, sondern unterschiedliche Wegverläufe. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch nicht den Gipfel gesehen, auf den es hinauf gehen sollte, aber jetzt tauchte er vor uns auf. Und wie! Wir befanden uns bereits auf circa 2400 Metern Höhe und trotzdem ragte der Gipfel noch hoch und spitz und gewaltig vor uns auf. Mein Herz rutschte mir in die Hose und durch die Hosenbeine hinaus auf meine Füße. Da sollte ich hoch? Nie im Leben! Ich verschob diesen Gedanken auf später, noch war der Weg ja gut begehbar.

Ein Stückchen später standen wir dann am Fuße des Triglav. Der „Weg“ hörte hier auf und stattdessen sah ich nur noch Felsen und Metallstangen im Felsen. Alle anderen trugen Helme. Natürlich besaß ich nicht einmal einen Helm. Aber ich hatte einen Engel dabei. Einen Engel auf zwei Beinen mit einem schweren Rucksack, in dem er einen Gurt zum Sichern sowie einen Helm mittrug. Ohne zu zögern bekam ich beides und hatte im Grunde keine Wahl (ich wollte nicht zugeben wie froh ich eigentlich darüber war, denn ich wollte ja cool sein). Beim Versuch, über die ersten Eisenstifte überhaupt hochzukommen, versagte ich in einer Kombination aus Angst und Hilflosigkeit kläglich. So kläglich, dass Michi, der bis dahin nicht eine Sekunde an mir gezweifelt hatte, sagte: Wenn du nicht willst, müssen wir hier nicht hoch. Das spornte mich an und anstatt aufzugeben bat ich ihn, mir zu zeigen, wie ich dort hochklettern könnte. Und siehe da: Mit ein bisschen Mut und Vertrauen in mich selbst klappte es.

Die nächsten 350 Meter waren dann eine von großer Angst und noch größerem Mut geprägte Kletterstrecke, die alles bisher gesehene weit übertraf. An den wenigsten Stellen konnte man sich wirklich sichern und teilweise ging es wirklich steil und tief nach unten. Irgendwann war der Gipfel tatsächlich in Sichtweite und ich rechnete damit, oben in Tränen auszubrechen. Stattdessen: Nichts. Ich setzte mich einfach hin und kämpfte mit den nicht eintreffenden, jedoch erwarteten Gefühlen. Spektakuläre Fotos wollte ich mir dann natürlich doch nicht entgehen lassen und so zog ich mich insgesamt dreimal trotz Kälte bis auf den Sport BH aus. So oft ist man schließlich nicht auf dem höchsten Berg Sloweniens. Nach dem obligatorischen Gipfelbier, etwas Essen und einer Schmerztablette (ja, die Zahnschmerzen sind bis auf den Gipfel mit hinauf gestiegen) wurde es dann Zeit für den Abstieg.

Der Abstieg

Hatte mich das Hinaufklettern schon gefordert, so erreicht die Herausforderung ein ganz neues Level mit dem Abstieg. Zum einen sieht man schwerer, wo man hintreten kann. Zum anderen ist jeder Blick in Richtung Füße gleichbedeutend mit einem Blick Richtung Abgrund, während es vorher der Blick in Richtung Berg war. Mit Worten versuchte ich mich von meinem Können zu überzeugen und es funktionierte: Irgendwann standen wir wieder am Ausgangspunkt und blickten hinauf zu dem Ungetüm. Da waren wir oben? Dort war ich hinauf geklettert? Es fiel mir schwer das zu glauben, obwohl ich die Anstrengung noch so frisch im Körper spürte.

Der Abstieg war dann eine Sache für sich. Bis zur Hütte ging es nun entspannt hinab. Danach kamen wieder die endlosen Serpentinen an die Reihe, die mich allein aufgrund der Weglänge ein bisschen abschreckten. Da kam die „Abkürzung“ wie gerufen. Gleiches Ziel, aber kürzere Strecke. Also steiler. Kein Ding, was sollte mich heute noch schocken? Ein bisschen rutschig war die Angelegenheit und irgendwann auch echt anstrengend, aber dafür sollten wir dann ja auch schneller unten sein. Dachte ich. Plötzlich standen wir erneut vor einem Kletter-Abschnitt. Begeistert war ich nicht, aber mittlerweile war ich darin ja geübt. Gurt und Helm trug ich nicht mehr, aber aus Erfahrung konnte man sich ja eh nur selten sichern und das hier war sicher nur ein kurzes Stück. Dachte ich. Dann kam nämlich noch eins und noch eins und noch eins. Mein ganzer Körper schmerzte und es kostete mich große Anstrengung die richtigen Griffe und Tritte zu erwischen. Dann die schlimmste Erkenntnis des Tages für mich: Wir waren irgendwie vom Weg abgekommen. Wir kletterten gerade einen Hang hinab, der nicht mal mehr offizieller Weg war. Mit einem Stückchen hinaufklettern schafften wir es wieder zurück, aber das raubte mir die letzte Kraft. Mental.

Von da an kämpfte ich bei jedem Schritt mit den Tränen. Jeder Schritt war eine Qual. Jeder Kletterabschnitt der Horror. Ich redete ununterbrochen mit mir selber. Dass ich es schaffen würde. Dass ich noch nicht weinen dürfte. Dass ich die Hand hierhin und den Fuß dorthin setzen müsste. Mein Körper zeigte mir, dass er zu unglaublichen Leistungen fähig war. Endlich erreichten wir das Ende der Abkürzung und trafen zurück auf den normalen Weg, der von hier noch 4 Kilometer bis zum Parkplatz ging. Ich erlaubte mir kurz zu weinen und auf dem Boden zusammenzusinken. Doch es nützte alles nichts, ich musste weiter. Mittlerweile fing ich wieder an zu frieren und neben meinen Muskeln schmerzten auch noch die Gelenke – wie wenn man Fieber hat und nicht weiter als vom Bett bis zur Toilette gehen möchte. Naja, waren ja nur 4 km. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und weinte stumme Tränen. Michi konnte mir nicht helfen, in meinem Zustand bekam er nur zickige Worte von mir zu hören. Also versuchte ich möglichst wenig zu sagen. Auf den letzten 2 km nahm er mir sogar noch den Rucksack ab.

Als wir das Auto tatsächlich im Dunkeln – nach 14 Stunden unterwegs sein – erreichten, weinte ich vor Freude und Erschöpfung. Auf dem Campingplatz bekamen wir zum Glück noch einen Platz auf dem Parkplatz gegenüber und selbst der Gang zur Toilette erschien fast unmöglich. Ein paar Seiten Buch lesen, gemütlich unter die Decke gekuschelt, und zwei Nektarinen später (mehr essen war mit meinen Schmerzen nicht möglich) sah die Welt schon wieder etwas freundlicher aus.

4 Tage lang sollte ich diese Wanderung noch in Form von Muskelkater spüren. Am schlimmsten war es an Tag 2 nach der Wanderung, da war Gehen fast unmöglich. Ähnlich lange dauerte es auch, bis ich anfing Stolz zu empfinden. Inzwischen bin ich unendlich stolz, trotz der Zahnschmerzen, trotz meiner Angst und trotz der wahnsinnigen sportlichen Herausforderung dort auf den Gipfel gestiegen zu sein. Außerdem weiß ich, dass ich mit Michi Pferde stehlen bzw. Berge besteigen kann (danke!). Und irgendwie hat es die Lust in mir geweckt, noch mehr solcher Abenteuer zu erleben. Es gibt schließlich die Seven Summits der Alpen und dies war erst der Erste.

Schneewanderung auf den Feldberg – Liebeserklärung an den Taunus

Glitzernd weiß überzogene Tannen. Eiszapfen an Zweigen. Eine Eisschicht an Gebäudewänden. Das satte Knirschen des Schnees unter den Schuhen. Kinder und Erwachsene in Schneejacken und Schneehosen. Eine atemberaubende Aussicht auf umliegende Häuserdächer und Berggipfel. Ein heißer Kakao in einer rustikalen Hütte, gemeinsam mit Fremden an einem großen Tisch. Klingt nach tiefstem Winter in Österreich? Nach einer langen Anreise? Nach einer Gondelfahrt ans Ziel?

Fast. Tiefster Winter auf knapp 900 Meter Höhe. Eine halbstündige Anreise mit der U-Bahn. Einige Kilometer wandern bis zum Ziel. Ein Sonntagsausflug auf den Feldberg. Nicht den im Schwarzwald. Den großen Feldberg im Taunus, nur ein Stückchen außerhalb von Frankfurt, meiner neuen Heimat.

Mein Ziel war es, ein bisschen wandern zu gehen. Für den Megamarsch 2019 zu trainieren. Vielleicht ein bisschen Schnee sehen zu dürfen. Meinen Traum von Bergen vor der Haustür zu leben. Ich kam mir albern vor, bei Temperaturen über null Grad meine Skijacke anzuziehen. Mitten in Frankfurt. Einen Wanderrucksack zu packen. Wandersocken und Stiefel anzuziehen. Meine bisher nur in Österreich getragenen Wanderschuhe hab ich nicht angezogen. Mitten in Frankfurt.

Die U-Bahn ist gefüllt mit Menschen. In Winterjacken, Winterhosen, Wanderstiefeln. Ausgerüstet mit Schlitten, Wanderstöcken und gepackten Rucksäcken. Plötzlich war gar nichts mehr albern, plötzlich war alles richtig. Mitten in Frankfurt. Auf dem Weg nach nicht mehr Mitten in Frankfurt. Angekommen in Hohemark (Oberursel) lagen ein paar Schneereste am Straßenrand, zum Rodeln würde das wohl kaum reichen. Aber ich wollte ja nur wandern, also stapfte ich los. Direkt hinein in den Wald, bald schon auf einer festen Schneedecke laufend.

Fast hätte es sogar die Sonne durch die Wolkendecke geschafft…

Zarte, kleine Schneeflocken fielen vom Himmel. Nicht genug, um die Schneedecke zu erhöhen. Aber genug für das Gefühl in einer anderen Welt zu sein. Mitten im Winterwunderland. Schon bald war ich dankbar für meine Skijacke und ärgerte mich über die dünne Jeans, die ich trug. Mit jedem Schritt ging es höher, die Schneedecke wurde dichter, die Luft kühler. Dann lag der Schnee auch auf Baumstämmen, Ästen, Zweigen, Tannennadeln. Überall glitzerte es weiß. Leichte Flocke schwebten weiterhin vom Himmel hinab. Ein Aussichtspunkt, der Himmel wolkenverhangen. Mystische Schönheit im Taunus. Mitten im Winterwunderland. Alleine auf der Welt.

Ausblick vom Altkönig

Unterwegs gab es einen warmen Kakao in einer Hütte. Richtiges Hüttenfeeling gab es beim Fuchstanz. Schlitten, Winterjacken, dicke Stiefel. Rote Wangen, rote Nasen, strahlende Augen. Gestärkt und aufgewärmt stand nun der letzte Teil des Aufstiegs auf den Feldberg an. Wenn ich als Kind gewusst hätte, was rodeln gehen wirklich bedeutet. Hinauf auf den Berggipfel und dann die Wanderwege hinab sausen.

Auf dem Gipfel vom Feldberg

Ein kalter Wind, der mir um die Ohren pfeift. Jeder Ast, jeder Zweig, alles eingefroren, vom Wind getroffen. Weiß, soweit das Auge reicht. Mitten im Winterwunderland. Ich staune und friere, mache Fotos und friere. Ich fühle mich frei und bin so unglaublich glücklich und friere. Mitten im Winterwunderland. Nicht mehr ganz mitten in Frankfurt, aber mitten in meiner neuen Heimat. Ein besonderes Erlebnis an einem normalen Tag. Urlaub am Wochenende, Urlaub zu Hause.

Serie: Megamarsch München 2018 – Der große Tag

Wanderrucksack

Samstag, 12.05.2018 (Geburtstag!!!):

Um die große Frage vorweg zu nehmen – ich habe es nicht geschafft und doch jede Menge erreicht.

9 Uhr morgens: Ich sitze beim Frühstück und irgendwie will ich nicht so richtig etwas essen. Am Abend vorher fing Aufregung an, als ich alle wichtigen Sachen vor mir ausgebreitet habe um sie heute morgen einzupacken. Ich weiß, ich sollte ordentlich frühstücken, aber meine Aufregung lässt es nicht zu. Später, sage ich mir, später im Biergarten esse ich noch etwas.

Der Vormittag zieht an mir vorbei, ich denke immer wieder über meine Vorbereitung und meine Ausrüstung nach, lese mich durch Facebook Beiträge zum bevorstehenden Marsch. Dann in der U-Bahn treffen wir die erste Teilnehmerin. Wir kommen ins Gespräch und legen den Weg zum Startpunkt gemeinsam zurück, wollen auch gemeinsam starten. Im Biergarten so viele Teilnehmer: Wanderschuhe, Turnschuhe, große Rucksäcke, kleine Rucksäcke. Jeder ist anders gekleidet und anders ausgerüstet und ich versuche meine Nerven zu beruhigen dass meine Ausrüstung ebenfalls geeignet ist. Das Essen fällt erneut sehr kläglich aus, die Aufregung ist einfach zu groß. Auf einmal nur noch eine Stunde bis zum Start. Nochmal die Toilette aufsuchen, Füße mit Hirschtalg einreiben, Sonnencreme ins Gesicht. Schweren Herzens meinen Liebsten verabschieden.

15:30 Uhr: Wir reihen uns in die wartenden Teilnehmer am Start ein. Eine Spannung liegt in der Luft, Nervosität gepaart mit Vorfreude. Angst kämpft mit der Zuversicht. Die Minuten vergehen. Beim Eintritt in den Startbereich wird kräftig gedrängelt. Jeder will endlich losgehen. Und dann wird runter gezählt:

10

9

8

7

6

5

4

3

2

1

Und los geht es, begleitet von Trommeln. So bedeutend und nebenbei eigentlich unspektakulär, den gegangen sind wir ja auch schon auf dem Weg hierher.

16:15 Uhr: Wir folgen der Isar, genießen die Natur, Idylle und Ruhe. Trotz vieler Menschen ist es weitgehend ruhig. Ein bisschen fühlt es sich an wie Urlaub, Menschen sonnen sich am Ufer, wir gehen weiter. Wir haben einen zügigen Schritt drauf, mir eigentlich zu zügig, aber ich will jetzt nicht alleine gehen, also passe ich mich an. Die ersten 20 Kilometern gehen recht flüssig, obwohl ich schon wieder ein Scheuern an meinen Fersen spüre. Die letzten 3 Kilometer zur Verpflegungsstation ziehen sich. Als wir ankommen bin ich unendlich erschöpft.

20:30 Uhr: Ich esse etwas, ich bin richtig ausgehungert und das Essen gibt mir Energie. Ich versorge die Blasen, fülle das Wasser auf, lausche den Gesprächen der anderen. Meine Begleitung geht weiter, ich ruhe mich noch etwas aus. Ich entschließe mich, die Schuhe zu wechseln. Die Sonne geht unter, jetzt heißt es vorbereiten auf die Nacht: Jacke an, Stirnlampe aus dem Rucksack holen, Magnesium und Ibuprofen einwerfen. Noch einmal schnell das Dixi Klo besuchen und dann geht es alleine weiter.

21 Uhr: Die nächste Etappe sind nur 15 Kilometer. In meinen leichten Schuhen geht es sich besser, die Füße werden wieder fitter. Das Tempo bleibt weiter zügig, weil es sich jetzt gut anfühlt. Es wird immer dunkler, langsam zeigt sich die Nacht. Der Himmel ist sternenklar und die Luft noch warm. Ein schöner Abend, an dem die Grillen zirpen und die Menschen grillen. Nur wir nicht, wir gehen weiter. Ich halte mich hier und da an Gruppen, bleibe jedoch stumm und genieße es nur, nicht ganz allein zu sein. Eine Weile folge ich einer Gruppe, die laut Schlagermusik hört. Das gibt richtig Energie und ich hänge mich dran, obwohl sie schnell gehen. Ehe ich mich verstehe, bin ich an der nächsten Station. 37 Kilometer geschafft und ich bin richtig fit. Es gibt nur schnell eine Banane im Stehen, dann geht es weiter. Jetzt bloß nicht gemütlich hinsetzen und müde werden.

23:45 Uhr: Seit längerer Zeit ist es stockdunkel und die Gruppen verteilen sich immer mehr. Alleine weitergehen traue ich mir jetzt nicht mehr zu. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Ich schließe mich 2 Mädels an, die schon auf der ersten Etappe immer vor mir gegangen sind, werde herzlich aufgenommen und wir unterhalten uns immer wieder.

1 Uhr nachts: Langsam kommt die Müdigkeit und der Blick auf die Uhr findet allzu oft statt, während wir einmal zu oft stehen bleiben und pausieren. Das Losgehen fällt dabei jedes Mal ein kleines Bisschen schwerer. Es ist stockdunkel und so ist der Weg wenig abwechslungsreich. Immer wieder geht es mal bergauf oder riecht nach Kuhstall. Die Gedanken wandern immer öfter zum Bett.

3 Uhr morgens: Wir erreichen Kilometer 52 und damit die Zwischenstation, an der es Wasser gibt. Wir haben jetzt über die Hälfte der 100 Kilometer geschafft und ich bin bereits fast 10 Kilometer weitergekommen als im Training. Ich merke die Erschöpfung, aber der Sonnenaufgang in 2 Stunden motiviert mich. Noch 15 Kilometer bis zur nächsten Station. Nach einer viel zu langen Pause brechen wir auf und gehen weiter. Es wird immer kühler, die Pausen immer öfter, das weitergehen immer schwerer. Ich suche nach Gründen, weiterzugehen, nach der Motivation. Warum wollte ich hier noch mal teilnehmen? Die Antwort lautet dauernd, dass ich ins Bett will. Meine Gedanken konzentrieren sich auf die nächste Station und eine ausgiebige Pause dort, nach der ich über alles weitere entscheiden könnte.

5:40 am Morgen: Mittlerweile ist es hell und das tut unheimlich gut. Hilft aber wenig. Ich Kämpfe mit den Tränen, ich bin erschöpft und kann mich einfach nicht mehr motivieren. Eine ganze Weile sind wir schon ‚kurz vor Kochel‘, aber der Weg ist lang. Ich ergebe mich und rufe meinen Liebsten an, um mich abzuholen. In Kochel. Um 7. Bis dahin werde ich es schaffen, und dann wartet das Bett auf mich.

6 Uhr: Auf einmal führt der Weg in den Wald und es geht bergauf. Und weiter bergauf. Über Steine und Baumwurzeln. Mir kommen immer wieder die Tränen. Alles tut mir weh, ich bin müde, ich bin erschöpft. Ich kann kaum noch mein Ziel vor Augen sehen, ich denke nur daran, wie erschöpft ich bin. Dann geht es bergab, über Wurzeln und Stufen. Ich darf nicht wegrutschen und nicht stehen bleiben. Ich heule ununterbrochen, verliere andauernd fast das Gleichgewicht. Fühle mich hilflos. Da taucht die Hauptstraße auf und eine Bank. Ich setze mich hin und weiß, dass ich es nicht mehr zur Station schaffen werde. Ich schleppe mich noch zur Straße und verabschiede mich von den 2 Mädchen, die mit mir die gesamte Nacht gegangen sind. Sie haben mich motiviert und weiter gehen lassen. Gleichzeitig bin ich durch sie zu oft stehen geblieben. Aber die Motivation war entscheidend.

7 Uhr: An der Bushaltestelle warte ich auf meinen Abholdienst. Endlich komme ich auf die Idee, mal wieder etwas zu essen. Zu spät. Eine Stunde später liege ich endlich im Bett und weiß gar nicht, was am meisten weh tut.

Ein paar Stunden später: Auf Facebook sehe ich die ersten Erfomgsmeldungen aus dem Ziel. Die Enttäuschung in mir fängt an sich breit zu machen. Ich habe aufgegeben. Noch schlimmer wird es, als ich am selben Tag noch auf die Zugspitze fahre und merke, dass mein Kopf wieder in der Lage ist, stärker zu sein als die Schmerzen. Mir tat zwar alles weh, aber aufgegeben habe ich im Kopf. Vermutlich hätte mein Körper es geschafft. Aber ich habe aufgegeben. 600 Leute kamen ins Ziel, aber ich habe aufgegeben. Dass ich mein Ziel, den Sonnenaufgang erreicht habe, scheint nebensächlich. Ich möchte mich freuen, möchte Stolz sein, aber ich spüre nur Enttäuschung.

2 Tage danach: Meine Muskeln sind fast wieder fit, ich lerne damit zu leben, dass ich es nicht geschafft habe. 65 Kilometer in 15 Stunden ist eine grandiose Leistung. Ich gehe sogar mal wieder joggen und fühle mich energiegeladen und fit. Am liebsten will ich es nochmal versuchen. Noch dieses Jahr. Ich will es schaffen. Ich glaube jetzt, dass ich es schaffen kann. Vorher habe ich es nie wirklich geglaubt, aber jetzt glaube ich daran. Dass ich weiter gehen kann. Dass ich es irgendwann schaffen werde. Meine Motivation ist zurück, ich will mir beweisen, dass ich mit Niederlagen leben, aus ihnen lernen kann. Und es besser kann. Vielleicht melde ich mich sogar noch für einen Halbmarathon an. Ich dachte nie, dass ich das schaffen kann. Aber jetzt schon. Jetzt weiß ich, was mein Körper leisten kann, und was mein Kopf kann. Und wie viel mehr er noch kann, wenn ich an mich glaube und übe und geduldig bin.

Serie: Megamarsch München 2018 – 14 Tage vorher

Wanderrucksack

Sonntag, 29.04.2018, 2:30 morgens:

Bis zuletzt habe ich mich vor ihr gedrückt – der Nachtwanderung. Nachts ganz alleine unterwegs zu sein und ohne richtiges Ziel durch die Gegend wandern hat mich nicht wirklich angesprochen. Die Angst in mir sagte: Ach, du kriegst das auch ohne Übung hin. Ist doch nichts anderes als im Hellen. Dann habe ich mir gestern endlich die Stirnlampe gekauft. Nach einem ausgiebigem Abendessen und einem kleinen Nickerchen auf dem Sofa habe ich mich dann spontan aufgerafft, um wenigstens eine kleine Runde zu gehen.

Den Rucksack habe ich diesmal zuhause gelassen, ebenso die Funktionskleidung. Einzig meine Socken und Schuhe habe ich angezogen und mein Handy und die Stirnlampe mitgenommen. Die Strecke habe ich in zwei Abschnitte aufgeteilt: einen mit Laternen und einen ohne. Also ging es ab ins Naturschutzgebiet, in dem kein Licht brennt und von dem ich mich im Dunkeln normalerweise fernhalte. Rechts und links Bäume und Felder, die von einem dichten Dunst bedeckt sind, der die Sicht selbst mit Lampe kaum zulässt. Mal knackt es, dann schreit ein Vogel, dann wieder hört man ein Schaf oder ein Pferd. Immer wieder bleibe ich stehen, sehe mich um und lausche. Ziemlich gruselig und doch gut zu wissen, was mich an Streckenabschnitten abseits der Straßen erwartet. Hoffentlich finde ich Begleitung, sodass ich da nicht alleine durch muss.

Die zweite Hälfte der Strecke ging dann an Straßen entlang, die gut beleuchtet sind. Die Stirnlampe konnte ich abschalten und ich entspannte mich merklich. Da ich auch schon öfter im Dunkeln Joggen gegangen bin, stört es mich prinzipiell nicht. Das wird zu schaffen sein. Knappe 10 Kilometer bin ich gegangen, einfach um die Erfahrung in der Dunkelheit zu machen. Ich habe ausgerechnet, dass die Sonne 9 Stunden lang nicht scheint beim Megamarsch, 9 Stunden im Dunkeln. Wenn man die Ruhezeiten an den Versorgungsstationen sowie die Dämmerung mitberechnet, sind es wohl 7 Stunden wandern in der Finsternis. Falls ich so lange durchhalte. Falls ich nicht bei 40 km aufgeben muss.

Die Nervosität steigt langsam, ebenso wie die Vorfreude. In der Facebook Gruppe ist wahrzunehmen, dass viele Teilnehmer deutlich weitere Trainingsstrecken in viel kürzerer Zeit zurücklegen. Dazwischen ich. Unerfahren, neugierig, verrückt. Die Wettervorhersage prüfe ich täglich und bange zwischen Dauerregen und prallem Sonnenschein bei Sommerhitze. Je wärmer es ist, umso mehr Durst kriege ich. Je mehr es regnet, umso unangenehmer und nervenaufreibender wird es. Aber abwarten, was das Wetter so bringt. Ändern lässt es sich sowieso nicht.

Ich habe das Gefühl zu wenig trainiert zu haben, aber mir war es wichtig, meine Blasen verheilen zu lassen. Dazu kam dann im Urlaub noch Fieber, von dem ich mich auch lieber noch einen Tag mehr erholen wollte. Das wichtigste beim Megamarsch ist es, in einer guten körperlichen Verfassung zu sein. Der Rest ist der Kopf, und für den werde ich mir Ziele setzen und die Motivation anregen. Ich denke, in einer Gruppe würde ich weiter kommen. Wenn da jemand ist, der weitergeht, der dich ablenkt von den Schmerzen. Ich hoffe, ich kann mich irgendwo anschließen.

Vielleicht steht am 1. Mai noch eine letzte Trainingswanderung an. Am Wochenende vorher wird der Körper dann geschont. Keine neuen Blasen mehr vorher. Keine wunden Füße und schwere Beine. Am Donnerstag nächste Woche geht es dann auf nach München, ich freu mich jetzt schon. 🙂

Serie: Megamarsch München 2018 – 5 Wochen vorher

Wanderrucksack

Sonntag, 08.04.2018:

7 Uhr morgens: Der Wecker klingelt, der Himmel ist strahlend blau und in der Luft liegt bereits die Andeutung eines warmen, sommerlichen Tages. Beste Voraussetzungen also für ein gutes Training. Im Gegensatz zu den letzten Malen bin ich etwas aufgeregt.

Vielleicht, weil ich nicht von zu Hause aus losgehe, sondern mit der Bahn anreise.
Vielleicht, weil ich tatsächlich einen Wanderweg mit Unebenheiten und Steigungen bewältigen werde.
Vielleicht, weil die Bilder meiner Wanderstrecke einfach atemberaubend schön aussehen. Vielleicht, weil meine Blasen leider immer noch nicht verheilt sind.
Vielleicht, weil 40 km ziemlich viel klingen, wenn man nach 30 km schon erschöpft ist.

Etwas Aufregung und Respekt können jedoch nicht schaden. Bepackt mit Blasenpflastern, 2,5 Litern Wasser und belegten Brötchen sowie Obst und Gummibärchen sitze ich eine Stunde später in der Bahn. Mein heutiges Ziel: der Heidschnuckenweg. Geplant sind Etappe 1 (Fischbeker Heide – Buchholz, 26 km) und Etappe 2 (Buchholz – Handeloh, 15 km). Von der S-Bahn zum Wanderweg stehen ebenfalls 2 km an, was in der Summe 43 km macht.

Der Start des Heidschnuckenwegs begrüßt mich mit der Schönheit der Fischbeker Heide, eine absolute Empfehlung, auch für kürzere Wanderungen. Die sanften, von Heide bewachsenen Hügel, durchsetzt mit jungen und alten Kiefern, lassen mich vergessen, dass ich mich noch in Hamburg befinde. Ich stecke mein Handy weg und beschließe den Kennzeichen am Weg zu folgen. Guter Plan – schlechte Umsetzung. Man sollte auch den richtigen Pfeilen folgen. Nachdem ich zum Weg zurückgefunden habe, folge ich dann den richtigen Zeichen und wandere munter den Weg entlang. Ich genieße die Freiheit in der Natur und fühle mich wie im Urlaub.

Fischbeker Heide

Fischbeker Heide

Wegmarkierung

Die Fischbeker Heide wird von einem Wald abgelöst. Die Wege sind von Wurzeln durchzogen und ich muss gut auf meine Schritte achten. Immer wieder geht es ein Stück steil hinauf und wieder hinunter. Bergauf keuche ich ganz schön, aber meine Beine machen gut mit und der abwechslungsreiche Weg ist angenehm.

Etliche Kilometer später wird der Wald von Wiesen und Feldern, Autobahnen und Orten abgelöst. Dieser Teil der Strecke ist zwar eigentlich weniger anstrengend, zehrt aber mehr an den Nerven und der Kopf fängt an sich zu wünschen, dass es nicht mehr so weit sei bis Buchholz. Ich spüre meine Blasen immer mehr und rolle meinen Fuß Kilometer um Kilometer verkehrt ab, was ich wiederum in meinen Beinen spüre.

Bei Kilometer 25 gönne ich mir meine erste richtige Pause, fast eine halbe Stunde sitze ich in der Sonne. Ich ziehe die Schuhe aus, wechsele die Blasenpflaster und versuche mich nicht abschrecken zu lassen von der Größe meiner Blasen. Es wird etwas gegessen und getrunken und neue Kraft gesammelt. Die Erschöpfung in den Beinen ist bereits jetzt deutlich zu spüren, die Steigungen haben gut dazu beigetragen. Kaum erholter geht es danach weiter.

5 km später habe ich Buchholz erreicht. Ich schleppe mich mehr durch die Innenstadt als dass ich gehe und habe nicht einmal die Motivation nach einer Eisdiele zu schauen, obwohl das Wetter geradezu nach einem Eis schreit. Hinter dem Bahnhof ist die erste Etappe dann offiziell geschafft und auf meinem Handy sind bereits 30 km zu sehen, dank meines Umwegs in der Heide. Eigentlich möchte ich aufgeben, ich sitze leidend am Straßenrand und will nie wieder aufstehen. Der Bahnhof liegt direkt vor mir, dort könnte ich mich in einen Zug setzen. Aber dann würde ich im Zug sitzen statt in der Sonne zu sein und von irgendwo erwacht wieder mein Ehrgeiz. Entgegen aller Vernunft entscheide ich mich weiter zu gehen.

Ab hier ist jeder Kilometer eine Qual, immer öfter setze ich mich hin und trinke etwas, das Wasser geht zur Neige. Wie ein Mantra sage ich mir, dass ich bloß einen Fuß vor den anderen setzen muss, nichts weiter. Ich schaffe 5 km, dann 10 km. Zwischendurch kommen mir die Tränen in die Augen, aber ich gehe weiter. Alles schmerzt und ich weiß nicht mehr, warum ich mir das überhaupt antue. 2 km habe ich noch vor mir. Ich weiche vom Wanderweg ab und wähle den kürzesten Weg in Richtung Bahnhof. 1 km vor dem Ziel finde ich eine Bank an der Hauptstraße und beende meine Wanderung, ich werde abgeholt. Die Motivation, doch noch bis zum Etappenschild zu gehen kann ich einfach nicht aufbringen.

Brunsberg

Brunsberg

Ich bin K.O. und auch irgendwie enttäuscht und hoffnungslos. Dann sehe ich mir die Daten an. Ich bin fast 44 km gewandert, das sind 14 km mehr als beim letzten Mal. Insgesamt bin ich 600 Meter und hoch und wieder runter gelaufen. An einem Punkt, an dem ich eigentlich nicht mehr konnte, bin ich noch 14 km weiter gelaufen. Trotz meiner häufigen Pausen war ich immer noch in dem Zeitrahmen, in dem ich 100 km in 24 Stunden schaffen würde. Ich war komplett alleine unterwegs und habe ich mich doch so weit durchgeschlagen. 2 Tage später ist der Muskelkater zwar noch deutlich spürbar, aber er ist vereint mit Stolz. Und der Ehrgeiz ist wieder erwacht.

Vielleicht schaffe ich beim Megamarsch 60 km.
Vielleicht finde ich eine Gruppe, der ich mich anschließen kann und die mich mitzieht.
Vielleicht haben die 10 km, die eigentlich nicht mehr gingen, einen guten Trainingseffekt erzielt.
Vielleicht darf mich allein die Tatsache, dass ich mich freiwillig diesem Training unterziehe, diese Disziplin aufbringen kann und über 40 km alleine gewandert bin, verdammt stolz machen.

Eine längere Trainingswanderung steht nicht auf dem Plan, ob ich eine Nachtwanderung mache, weiß ich noch nicht. Alleine nachts fühle ich mich nicht richtig sicher, ich habe Angst. Aber wenn ich meine Gedanken gut genug steuern kann, dann kann ich auch nachts weiterlaufen. Zunächst versuche ich, meine Blasen auszukurieren, auch wenn ich dafür auf eine Trainingseinheit verzichte. Meine nächste Wanderung wird vermutlich im Urlaub in Portugal stattfinden – nicht die schlechteste Aussicht. Bis dahin erhalte ich mir das gute Gefühl, bereits jetzt schon Unglaubliches erreicht zu haben.

Serie: Megamarsch München 2018 – 6 Wochen vorher

Wanderrucksack

Sonntag, 01.04.2018:

Die Blasen an den Füßen sind noch nicht ganz weg, sodass ich mich heute dagegen entschieden habe 40 km zu versuchen. Desweiteren lässt das Wetter mal wieder zu wünschen übrig, heute morgen hat es noch geschneit. Ich weiß, dass man auch bei schlechtem Wetter trainieren soll, da man nie weiß, wie das Wetter bei der Veranstaltung werden wird, aber ich bezweifle doch stark, dass es Mitte Mai schneien wird.

Um nicht aus der Übung zu geraten, werde ich heute irgendetwas zwischen 20 und 30 km in Angriff nehmen. Wenn der Wetterbericht Recht behält, dann wird das Wetter nächstes Wochenende richtig schön. Zweistellige Temperaturen und ein bisschen Sonnenschein. Für nächstes Wochenende verfolge ich weiter meinen Plan, in die Harburger Berge zu gehen und dort zu wandern. 6 Wochen sind es jetzt noch bis zu dem großen Ereignis.

Vor der Wanderung

Langsam frage ich mich, ob ich nicht vollkommen irre bin. Vermutlich bin ich irre. Aber er ist besser als langweilig, oder? Ich bin erstaunt darüber, wie schnell die Zeit vergangen ist, seit ich mich dazu entschieden habe, mich dafür anzumelden. Manchmal ist es verrückt, wie aus einer Idee, die man entwickelt, weil man keine Lust hat zu lernen, so schnell Realität werden kann. Gleichzeitig bin ich aber auch begeistert darüber, dass ich es tatsächlich wage. Wie oft rede ich davon, irgendetwas zu machen, auszuprobieren oder anzufangen. Oft bleibt es dann nur bei den Gedanken. Diesmal ist es anders.

Die Wanderung heute ist hart, von Beginn an liegt meine Komzentration bei meinen Blasen an den Füßen? Tun sie schon weh? Werden sie größer? Schon nach wenigen Kilometern spüre ich sie. Es sind noch keine großen Schmerzen, aber sie machen sich bemerkbar. Ich gehe trotzdem weiter, beim Event werde ich auch nicht wegen einer lästigen Blase aufgeben. Obwohl es regnen sollte, kommt stattdessen immer wieder die Sonne hervor. Ich könnte mir keine größere Motivation vorstellen. Ich genieße es, immer wieder neue Orte und Landschaften rund um mein zuhause zu entdecken und habe erneut eine Strecke gewählt, die ich zuvor noch nicht gewandert bin. Sogar ein offizieller Wanderweg, sodass ich verschiedene Untergründe zum Gehen habe.

Krückauwanderweg

Nach 15 Kilometern habe ich Barmstedt und das Ende des Wanderweges erreicht, meine Füße schhmerzen. Doch ich will nicht aufgeben. Wenigstens die 20 Kilometer will ich schaffen, meinen inneren Schweinehund überwinden. Bei 18 km fällt mir auf, dass es bis zu Hause nur noch 8 km sind. Das schaffe ich, sage ich mir. Immer wieder muss ich kurz stehen bleiben und meinen Fuß anders belasten, um den Blasen auszuweichen. Meine geänderte Haltung führt dazu, dass es jetzt auch noch am Zeh scheuert.

Bei 23,5 km siegt die Vernunft. Ich weiß, dass ich es trotz Schmerzen nach Hause schaffen würde, das habe ich mir auf den letzten 10 Kilometern bewiesen. Aber wofür? Um die Blasen noch mehr zu verschlimmern? Nächste Woche wieder nicht richtig trainieren zu können. Ich will um keinen Preis aufgeben, aber es ist das einzig Vernünftige.

Insgesamt fühle ich mich nach der Strecke jedoch noch deutlich fitter und energiereicher als nach den letzten Wanderungen, vielleicht fängt das Training ja doch ein bisschen an zu wirken. Ich hoffe wirklich, dass sich meine Füße erholen bis zum nächsten Wochenende. Da werde ich es einmal mit anderen Schuhen versuchen. Meinen Sportschuhen, die mich bereits blasenfrei durch die Xletix Challenge getragen haben – trotz nasser Socken, Sand überall und unebenem Boden. Auch wenn das Training hätte besser laufen können, ich weiß jetzt, dass ich mich durchbeißen kann und so schnell nicht aufgebe. Auch meine Geschwindigkeit war trotz Schmerzen beachtlich. Und wenn die Beine nicht mehr wollen, dann ist der Kopf das, was mich voran treibt.

Serie: Megamarsch München 2018 – 7 Wochen vorher

Wanderrucksack

Samstag, 25.03.2018:

Für heute habe ich mir 30 km vorgenommen. 30 km klingen ziemlich bedrohlich, wenn ich bedenke, wie ich mich am Ende der 20 km gefühlt habe. Aber da ich in 7 Wochen ganze 100 km laufen möchte, sollte ich die 30 km heute schaffen. Da ich letztes Wochenende leider keine Zeit hatte zu trainieren, ist es umso wichtiger, dass ich heute vorankomme.

Zum Glück regnet es bis jetzt nicht und es ist auch ein bisschen wärmer. Mein Rucksack ist diesmal auch schon ein bisschen voller und schwerer als letztes Mal, damit ich gleich trainiere, mit mehr Gewicht auf dem Rücken und auf den Schultern zu gehen. Natürlich liegt es auch daran, dass ich dieses Mal mehr Essen eingepackt habe. Wer mich kennt, der weiß, dass ich jemand bin, der sehr gerne sehr viel isst. Ich komme mir immer noch etwas komisch vor mit meinen leuchtend grünen Socken, meinen Trekkingschuhen, und meinem Wanderrucksack auf dem Rücken hier durch den Ort zu laufen. Aber von nix kommt nix.

Schaf

12 km sind rum. 5 km davon bin ich auf dem Deich gelaufen, der sehr uneben, teils matschig war. Dadurch war ich langsamer und hatte nach 12 km gleich an jedem Fuß eine Blase zu verzeichnen. Schlauerweise hatte Blasenpflaster eingepackt und so ging es dann zügig weiter.

Die nächsten 10 km bin ich quasi ohne Pause durchgegangen und hab für keinen Kilometer mehr als 11 Minuten benötigt. Vermutlich werde ich mit der Steigung, die ich nahe den Bergen haben werde eher langsamer sein, deswegen versuche ich beim Trainieren möglichst fix unterwegs zu sein.

Ab Kilometer 18 wurde es hart. Richtig hart. Meine Füße taten weh, die Beine und auch der Nacken und die Schultern vom Rucksack. Ich machte mir Musik an und setzte einen Fuß vor den anderen. Ich wäre jetzt noch nicht einmal an der ersten Versorgungsstation, da durfte ich nicht aufgeben. Zwischendurch sang ich lauthals mit, was tatsächlich half, mich von meinen müden Beinen abzulenken.

5 km vor dem Ziel, nach 25 Kilometern erlaubte ich mir eine richtige Pause. Ich setze mich ins Gras, zog die Schuhe aus, trank in Ruhe und aß etwas. Im Kopf machte ich mir die Notiz, dass ich viel mehr Wasser dabei haben müsste. Dafür brauche ich deutlich weniger Proviant als ich dachte. Beim Aufstehen hatten sich die Schultern etwas beruhigt und auch die Oberschenkel fühlten sich wieder fit an. Dafür schienen meine Füße kaum noch zu wissen wie man geht. Nichtsdestotrotz kam ich eine Stunde später zu Hause an und fühlte mich insgesamt fitter als nach dem ersten Training. Einzig die Schmerzen in den Schultern und die Blasen blieben mir auch noch am nächsten Tag.

Weg mit Schafen

Trotz der Angst vor den 100 km freue ich mich unglaublich auf die Natur, die ich auf dem Weg von München nach Mittenwald zu sehen bekommen werde. Ich hoffe, dass mich die schöne Landschaft und die Aussicht auf die Alpen dazu motivieren können, weiter zu gehen, auch wenn es eigentlich nicht mehr geht. Ich weiß, dass es nicht gerade wahrscheinlich ist, dass ich die 100 km schaffen werde. Aber ich denke, wenn ich schon vorher davon ausgehe, dass ich es nicht schaffe, dann kann ich es auf keinen Fall schaffen. Also obwohl die Wahrscheinlichkeit gering ist, gehe ich mit der Einstellung daran, dass ich die 100 km schaffen möchte. Die 100 km sind mein Ziel.

Für ein bisschen Training im Bereich Steigung – mich erwarten schließlich um die 1000 Höhenmeter – werde ich nächstes Wochenende wohl in die Harburger Berge fahren. Da hab ich bis zu 150 Höhenmeter pro „Berg“. Natürlich ist das kein wirklicher Vergleich, aber doch hilfreich, um das bergauf und bergab gehen zu trainieren und meine ungefähre Geschwindigkeit zu ermitteln. Und dann stehen eigentlich die 40 km an, mein absolutes Mindestziel in München.

Wanderung 30 km

Serie: Megamarsch München 2018 – 9 Wochen vorher

Wanderrucksack

Samstag, 10.03.18:

Noch 9 Wochen bis zum Megamarsch und bis zu meinem Geburtstag – noch 9 Wochen, um mich auf 100 km zu Fuß in 24 Stunden vorzubereiten. 100 km von München nach Mittenwald, 100 km ohne Schlaf, 24 Stunden lang nicht aufgeben. Eigentlich wollte ich schon letzte Woche anfangen zu trainieren, aber bei weit unter 0 Grad konnte ich mich nicht aufraffen. Heute haben wir zwar Plusgrade, dafür regnet es nahezu ununterbrochen. Aber die Ausreden sind jetzt vorbei! 100km gehen sich nicht mal eben von alleine, dafür muss trainiert werden, und das bei Wind und Wetter.

Heute habe ich mir für den Anfang 20km vorgenommen, das ist die Strecke zwischen den Versorgungsstationen. Ein bisschen verrückt komme ich mir jetzt schon vor, wenn ich meine Wandersocken und Funktionsschuhe anziehe und damit gleich das Haus verlassen muss. Wer ist wohl die Verrückte, die bei Regen wandern geht und dabei leuchtend grüne Socken trägt? Das bin ich, die verrückte, die an ihrem Geburtstag statt zu feiern 100km zu Fuß bewältigen möchte. Also ziehe ich mir jetzt alles Nötige an, packe meinen Rucksack und dann wage ich es.

Wanderschuhe

10 km habe ich jetzt geschafft. Inzwischen sind meine Hände abgefroren und meine Ohren sind auch ziemlich kalt. Aber der Blick über die Felder ist schöner als ich dachte, gerade durch diesen wolkenverhangenen Himmel bietet sich ein schöner Anblick. Ich glaube es wird nicht einfach, wenn ich bedenke, dass ich in 9 Wochen das Zehnfache dieser Strecke laufen muss. Ich habe noch absolut keine Ahnung, wie ich 100 km schaffen soll. Aber Aufgeben ist für mich keine Option. Außerdem hat es doch auch sein Gutes, den Samstag nicht vor dem Fernseher sondern unterwegs in der Natur zu verbringen. Ich merke dass ich das viel zu selten tue, obwohl ich sehr dicht an einer so schönen Umgebung wohne.

Bank vor Fluss

Blick ins Weite

Selfie

Nach 20 km komme ich ziemlich durchnässt und durchgefroren, mit schweren Beinen und schmerzenden Fußsohlen zuhause an. Ab Kilometer 15 wurde es echt hart, die Beine wurden taub vom kalten Regen und die Muskeln müde. Aber meine Zeit ist ziemlich gut und lässt für den Wettbewerb Pausen und schlechtere Wege zu. Ich hoffe, wenn ich öfter trainiere, kommt mein Körper besser mit dieser Belastung zurecht. Im Moment sind die 100 km jedoch noch sehr weit entfernt. Immerhin kann ich jetzt das Training im Regen von meiner Liste streichen, das habe ich jetzt ja schon absolviert. Für mich gibt es jetzt zuerst eine warme Suppe und anschließend geht es in die Badewanne.

Strecke