Mut, Salz und Schweiß – Tagebuch meines Segelabenteuers in der Adria

Winsch im Sonnenuntergang

Mitte Juni fand ich auf Facebook einen Beitrag in einer Segelgruppe:

Koje frei vom 18.07.-30.07.2021. Segeln von Brindisi bis Lignano.

Da mein zweiter Impftermin für den 15.07. angesetzt war, schien mir der Zeitraum passend. Kurzerhand schrieb ich zurück: Habe Interesse! Daraufhin folgte ein kurzer schriftlicher Austausch und ein Telefongespräch. Ich dürfte gerne mitfahren, meine Erfahrung sei ausreichend. Außer mir würden aber nur Männer an Bord sein, ein klein wenig älter als ich. Ich wog ab: Abenteuer gegen Zweifel. Das Abenteuer siegte. Und so saß ich am 17.07. im Flugzeug von Frankfurt nach Brindisi, um zu ein paar fremden Leuten aufs Boot zu gehen und zwei Wochen die italienische Adriaküste hoch zu segeln. Unterwegs habe ich handschriftlich Tagebuch geschrieben. Das sind meine Erlebnisse und Empfindungen zum Zeitpunkt des Geschehens, völlig ehrlich!

19. Juli 2021

14:18 – Seit 5 Uhr bin ich wach, seit 6 Uhr sind wir auf dem Wasser. Ich war heute Morgen direkt fit und habe mich aufs Segeln gefreut. Nachdem ich einen schönen, wenn auch etwas wolkigen Sonnenaufgang beobachten konnte, haben wir abgelegt. Ich durfte am Steuer stehen und das Ablegemanöver fahren, nachdem ich beschrieben habe, wie ich es machen würde. Das war ziemlich cool. Dann stand ich die nächsten zwei Stunden am Steuer. Am Anfang dachte ich kurz, dass mein Magen den Wellen nicht standhält, aber dann ging es doch sehr gut. Das Segeln hat richtig Spaß gemacht, uns unserem 35 Seemeilen entfernten Ziel wegen Wind von Vorne jedoch kaum näher gebracht. Deswegen fahren wir jetzt schon seit einer Weile gegen Wind und Wellen. Unter Motor. Zwischendurch hüpft das Boot ordentlich auf und ab, aber ich gewöhne mich langsam daran. Seit 8 Stunden sind wir bereits auf dem Wasser und wir haben gerade mal die Hälfte der Strecke geschafft. Mit Autopilot gibt mir das echt viel Zeit, für die ich mir jedoch selber ein Handyverbot ausgesprochen habe – Ausnahme: Fotos + Musik. Also lese ich, schreibe mal wieder Reisetagebuch, habe sogar schon etwas Sport gemacht und denke viel nach. Über mein Date und meine Gefühle für ihn, die nächsten Monate, meine Zukunft. Vielleicht sehe ich irgendwann in den nächsten Tagen nach vielen Stunden auf dem Wasser ja klarer.
19:05 – Irgendwann haben wir aufgegeben. Selbst mit Motor sind wir kaum noch von der Stelle gekommen. 9 Seemeilen vor Monopoli gab es noch einen kleinen Hafen, den wir auf gut Glück mal angesteuert haben. Dahin konnten wir nochmal schön hart am Wind segeln. Um 8 Uhr abends, 14 Stunden nach Abfahrt, haben wir hier an der Mole hinter einem Fischerboot angelegt und hoffen, hier für die eine Nacht bleiben zu können. Was für ein aufregender, anstrengender erster „Segel“-Tag.
Später gab es dann noch ein Eis und einen Drink im hübschen, kleinen Örtchen. Anschließend an Deck den Schweiß und die Sonnencreme abduschen. Jetzt fühle ich mich wieder wie ein richtiger Mensch und bin gespannt auf alles, was noch kommt.

20. Juli 2021

18:03 – Heute Morgen im Hafen habe ich tatsächlich Sport gemacht. Und das sogar vor dem Frühstück. Nur ein kleines Workout mit dem eigenen Körpergewicht, aber immerhin! Danach haben wir abgelegt und sind bis Monopoli gesegelt, schön im Zick Zack gegen den Wind gekreuzt. Ich stand bestimmt 5 Stunden pausenlos am Steuer und habe jede Sekunde genossen. Für morgen stehen 24 Seemeilen auf dem Plan, wir müssen bis nach Bari. Weiterhin mit ordentlich Gegenwind und Welle von vorne. Der Plan ist bereits um 4 Uhr morgens loszufahren. Definitiv außerhalb meiner Komfortzone und ein Abenteuer, aber ich bin so bereit, wie ich es sein kann. Zwei Tage Gewöhnung an das Boot und die Wellen, jede Menge Hunger nach neuen Erfahrungen und keine Wahl.

21. Juli 2021

05:49 – Ich sitze hier mit Gänsehaut, weil der Wind langsam kühl wird. Aber ich ziehe mir nichts an, weil ich gleich die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut spüren werde. Vor zwei Stunden war noch alles stockdunkel und der Himmel voller Sterne. Vor Faszination und Respekt war ich ganz ruhig und habe immer wieder nach oben gestarrt. Hoffend auf eine Sternschnuppe, die mir meinen sehnlichen Wunsch erfüllen würde. Eine Sternschnuppe gab es leider nicht, dafür jedoch auch so Magie ohne Ende. Die ersten Sonnenstrahlen berühren meine Haut. Der Grad zwischen purem Glück und Melancholie ist besonders schmal in diesen Momenten. Um 4 Uhr heute Morgen durfte ich im Dunkeln ablegen. Ich habe mich sogar sicher gefühlt dabei.
19:40 – Heute sind wir wieder 12 Stunden lang gefahren. Viel Zeit zum Nachdenken über das Leben. Frankfurt, Flensburg, Gefühle. Immer und immer wieder. Jetzt am Abend Gespräche über den Tod. Beide Mitsegler hätten mal fast ihre Frauen verloren. Heftige Geschichten. In diesen Momenten wird mir bewusst, dass es so eine Person für mich nicht gibt.

22. Juli 2021

19:27 – Der Wind war uns heute recht wohlgesonnen. Wir konnten größtenteils segeln und mussten nicht einmal kreuzen. So sind wir sogar noch einen Hafen weitergekommen als geplant. Unser viertes Crewmitglied kommt nun doch nicht, also bleiben wir zu dritt. Nächste Woche segeln wir bei recht starkem Südwind 24-48 Stunden durch, weit weg vom Land. Ich hoffe, dass mein Magen auch den Vorwindkurs aushält. Zur Eingewöhnung werden wir morgen das erste Mal die Nacht durchfahren. 42 Seemeilen nicht direkt an der Küste entlang, sondern quer durch eine große Bucht hindurch. Einteilung von Wachschichten, meine sind: 18-20, 12-2 und 6-8 Uhr. Für die Nacht ist wenig Wind vorhergesagt, zur Eingewöhnung ist es also recht ruhig hoffentlich. Mir geht der Arsch echt auf Grundeis, wenn ich an den Vorwindkurs ab Sonntag denke. Meine Panik vor der Seekrankheit kommt da voll durch. Vor allem anderen habe ich Respekt, aber keine Panik.

23. Juli 2021

15:57 – Eben sind Delfine um uns herumgeschwommen. Sechs waren es und sie sind ewig lange geblieben. Sind geschwommen und gesprungen und ganz nah ans Boot gekommen. Was für majestätische, elegante und spaßige Tiere das sind. Das hat mich sprachlos gemacht, so schön war das.
21:00 – Manche Momente sind so schön, dass sie sich kaum in Worte fassen lassen. Das Meer ist fast glatt, der Sonnenuntergang taucht alles in ein magisches, pastellfarbenes Licht. Gegenüber der Vollmond in rot-orange. Und plötzlich taucht sogar noch ein Delfin auf. Kitschiger geht es nicht, aber auf die gute Art und Weise. Jetzt wird der Mond langsam heller und steigt höher, der Himmel wird immer dunkler und die ersten Sterne tauchen auf. Wenn es eine perfekte erste Nachtfahrt gibt, dann hat die hier definitiv Chancen darauf. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob ich bis 12 wach bleibe oder versuche, vorher noch etwas zu schlafen. Im Moment möchte ich auf jeden Fall noch draußen bleiben.

24. Juli 2021

20:42 – Im Mittelmeer gibt es Quallen. Also natürlich gibt es dort Quallen, irgendwo tief drin, das war mir schon klar. Aber, dass sie beim Ankern um das Boot schwimmen, das kannte ich noch nicht. Nur einzeln, aber noch gruseliger als in der Ostsee. Theoretisch auch schöner, ich kann jedoch im Zusammenhang mit Quallen nun einmal schlecht von schön sprechen. Zweimal habe ich mich getraut, ins Meer hinein zu hüpfen, mit ach und Krach und direkt wieder hinausklettern. Trotzdem, immerhin.
Nachdem wir den Tag heute entspannt vor Anker in der Bucht verbracht haben, sind wir nun zu unserer langen Strecke nach Ancona aufgebrochen. 150 Seemeilen auf direkter Strecke, mehr noch mit unserem Bogen, damit wir den Wind weiter draußen gut mitnehmen können. Zwei Nächte werden wir voraussichtlich durchfahren, vielleicht sieht man zwischendurch kein Ufer mehr. Jetzt geht es raus aus der Komfortzone. Denn: There is no life at the comfort zone!

25. Juli 2021

00:47 – Ich hatte keine Ahnung wie hart das wach bleiben sein kann. Tief und fest habe ich im Salon vor meiner Schicht geschlafen. Jetzt fühle ich mich, als ob ich schlafwandeln würde. Augen aufhalten, aufmerksam bleiben. Ballermann Musik zum Wach-Singen. Irgendwie werde ich es schon schaffen.
07:01 – Meine Schicht von 6 bis 8 Uhr mag ich. Zum Sonnenaufgang habe ich Nudeln mit Pesto gefrühstückt. Die Sonne scheint nun leicht durch die Wolken hindurch, wärmt aber bereits Haut und Herz. Auf Vorwindkurs fahren wir mit knapp 4 Knoten ganz gemütlich dahin, angeschoben vom Wind. Um uns herum ist nichts zu sehen, kein Land, wir sind nur von Wasser umgeben. Zwischendurch taucht mal ein Frachter am Horizont auf, sonst ist Meer in alle Richtungen so weit das Auge reicht. Ich höre jetzt gerade keine Musik, sondern genieße ganz bewusst die Stille und die Geräusche des Meeres und des Windes. Es ist unglaublich friedlich und ich bin unendlich dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen.
16:32 – Vorhin hatten wir über 20 Knoten Wind und ordentlich große Wellen. Bisher bin ich nicht seekrank geworden, deswegen war es ziemlich cool. Mein größtes Problem ist, dass ich tagsüber nicht schlafen kann und in meinen Nachtschichten dann kaum die Augen aufgehalten bekomme. Ich werde nachher nochmal zwischen 20 Uhr und Mitternacht versuchen, etwas Schlaf nachzuholen. Keine Ahnung, wie ich die Nacht sonst überleben soll.

26. Juli 2021

01:04 – Geschlafen habe ich maximal 1-2 Stunden, aber bisher kann ich meine Augen ganz gut aufhalten. Heute Nacht sind keine Sterne und auch nicht der Mond zu sehen, es ist sehr bewölkt. Ich habe mein T-Shirt ausgezogen und die lange Hose gegen eine kurze getauscht und höre trotzdem nicht auf zu schwitzen. Die Kombination aus Salz, Schweiß und Sonnencreme auf der Haut fühlt sich eklig an und ich sehne mich nach einer Dusche. Meine Haare sind zu einer klebrigen Masse verkommen. Trotz allem ist es wundervoll, nur vom Meer umgeben zu sein. Es schirmt die Welt irgendwie auch in den Gedanken ab. Alles, was nicht gerade jetzt eine Rolle spielt, ist hier nicht wichtig. Das Einzige was zählt, sind Wind, Wellen, essen, trinken und schlafen.
06:46 – Da ist wieder Land zu sehen am Horizont. Ich habe es nicht vermisst, aber es ist trotzdem so schön zu sehen. Wir sind jetzt seit 38 Stunden am Stück unterwegs und sicher noch weitere 6 Stunden liegen vor uns. Ich spüre Stolz in mir, dass ich mich das Abenteuer getraut habe und es gut meistere. Stolz darauf, dass ich es durchziehe. Stolz auf meinen Mut, meine gedankliche Disziplin, wenn sie dringend notwendig ist. Ich bin ein leidenschaftlicher, gefühlvoller Mensch, der keine Angst vor Verantwortung haben muss. Wenn mir das mal nicht auch im restlichen Leben weiterhilft.

27. Juli 2021

18:07 – Die Sonne scheint endlich wieder. Sie begleitet unseren entspannten Kurs in Richtung Venedig. Mit guten 4 Knoten gleiten wir sanft dahin. Heute Nacht steht die vierte und voraussichtlich letzte Nachtfahrt an. In Venedig werde ich von Bord gehen und fühle mich eigentlich noch gar nicht bereit dazu. Langsam fühle ich mich hier so zu Hause, dass ich anfange zu kochen. Vorhin habe ich mich an einen Apple Crumble herangetraut. Leider war der etwas zu lange im Ofen. Der essbare Teil hat trotzdem sehr gut geschmeckt. Nach Heimat und Wärme und Geborgenheit. Danach gab es nun zwei Bier. Und obwohl das Land inzwischen schon wieder nur noch schwach am Horizont zu sehen ist und wir mitten auf dem Meer sind, fühlt es sich gerade sehr nach Urlaub an. Sanftes Schaukeln, Sonnenschein und kein Stress. Noch zwei Tage an Bord der Jo Eh, dann geht es rüber ins Paradies von Sardinien. Eine neue Crew, neu einleben und kennenlernen, aber weiter segeln, segeln, segeln und an Bord leben. Quasi drei Wochen am Stück, ein neuer Rekord und so schön.

28. Juli 2021

00:37 – Ich liebe es, wenn ich während meiner Schicht die Segel setzen und den Motor ausschalten kann. Wenn der Lärm verstummt und nur noch das Plätschern des Meeres und das Rauschen des Windes zu hören sind. Über mir funkeln tausende Sterne, nun leider von einigen Wolken verdeckt. Dann lässt der Wind wieder etwas nach und wir sind deutlich langsamer als mit Motor. Also beobachten, abwarten, hoffen, dass segeln weiterhin geht. Wenn ich den Motor wieder anmachen muss, wachen alle auf und denken: Danke für nichts. Ich persönlich segele lieber kurz als gar nicht. Dafür bin ich schließlich hier.
01:11 – Und so schnell ist der Motor wieder an. Das war leider ein sehr kurzes Vergnügen. Nun ist der Wind wieder weg und die Wellen bremsen uns zusätzlich aus, lassen uns unregelmäßig schaukeln, als könnten sie sich nicht für eine Richtung entscheiden. Ich könnte mich jetzt ärgern, aber wozu? Segeln gehen heißt nun einmal sich von der Natur abhängig zu machen und geduldig zu sein. Vielleicht lehrt mich das Segeln am Ende tatsächlich noch etwas mehr Geduld.

29. Juli 2021

12:06 – Vor uns liegt Venedig. Nie hätte ich gedacht, dass meine erste Reise hierher auf einem Boot stattfindet und doch ist nichts passender. Wenn ich überlege, wie weit wir bis hierher unterwegs waren und welch verrücktes Abenteuer mich hierher gebracht hat, klopft mein Herz. Ich kann den ganzen Umfang noch gar nicht so richtig fassen, es ist einfach so unwirklich. Wie viele Eindrücke kann ein Mensch überhaupt aufnehmen?

30. Juli 2021

Eben habe ich die Jo Eh zum ersten Mal betreten – aufgeregt, nervös, mit Vorfreude und ängstlich – und nun sind schon zwei Wochen vorbei und ich muss mich verabschieden. Zu zwei fremden Männern bin ich an Bord gestiegen, zwei Freunde verlasse ich nun. Es gibt Dinge, die werden leichter, je öfter man sie macht. Und es gibt Dinge, die sind immer schwer und bleiben es auch. Abschiede gehören in die zweite Kategorie. An das Gefühl habe ich mich gewöhnt, aber leichter wird es dadurch nicht. Was mich tröstet ist, dass einem schweren Abschied immer eine schöne Zeit vorausgegangen ist. Eine Zeit, die jeden Abschied wert ist.
Zwei Wochen lang bin ich die italienische Adriaküste entlang gesegelt, habe Tage und Nächte auf engstem Raum verbracht, habe die tollsten Momente, größten Ängste und meinen überwältigenden Mut erlebt und würde keine Sekunde davon missen wollen. Ich bin überwältigt von meiner Liebe zum Segeln, dem Ausmaß der Erlebnisse und der Einfachheit des Erlebens gleichzeitig. Und ich bin unendlich glücklich, heute Abend schon wieder auf einem Boot sein zu dürfen!

Zwischen Möbeln, Staub und Kartons – Zwei Wochen bis zum Auszug

Da hatte ich mir fest vorgenommen, nun öfter hier zu schreiben und was passiert: Nichts. Ein großes Nichts, das ich lieber mit Lesen, Grey’s Anatomy (gute Idee, eine Serie mit 15 Staffeln anzufangen, während man eine Wohnung ausräumt) und wie wild von rechts nach links durch meine Wohnung rennend fülle. Aber ich mich aktuell nicht wirklich in Marathon Verfassung fühle (der Spaziergang zum Rewe zählt aktuell schon fast als Sport), hat auch das irgendwann ein Ende und ich muss mich mal hinsetzen. So sitze ich nun hier, auf dem Boden meines Schlafzimmers, mit dem Rücken an mein Bett gelehnt.

Weniger als zwei Wochen kann ich noch hier sitzen und vielleicht weniger als 48 Stunden an dieses Bett gelehnt. Vielleicht aber auch noch eine weitere ganze Woche. Mal läuft das Möbel verkaufen gut und mal läuft es schleppend. Das Bett ist eher der Fall schleppend, was meinen Rücken natürlich freut, den Zeitplan aber leicht stresst. Nun ist es nicht mehr lange, in knapp zwei Wochen werde ich aus dieser Wohnung ausgezogen sein. Die meisten meiner Möbel habe ich tatsächlich schon verkauft und erstaunlicherweise fehlt mir kaum etwas. Je leerer die Wohnung wird, umso mehr kann ich die Freiheit riechen. Je mehr sich die Reisekasse aus den Verkäufen füllt, umso länger kann ich die Freiheit möglicherweise genießen.

Das Verkaufen und aussortieren fühlt sich mittlerweile fast wie Arbeit an. Ich führe schriftliche Korrespondenz, prüfe 100 Mal täglich mein Postfach, versuche Termine möglichst effizient ohne Überschneidungen auszumachen und Preise zu verhandeln. Telefonate führen, Verträge kündigen, Ämter bezirzen, informieren, entscheiden. Sortiere meine eigenen Sachen in 3 Kategorien: Behalten, Verkaufen, Wegwerfen. Versuche so weit es geht zu reduzieren, jedes einzelne Teil meines Kleinkrams zu betrachten und einzuordnen. Zwischendurch Löcher in der Wand füllen, Wände streichen, putzen, wischen, saugen.

Doch obwohl es anstrengend und stressig ist, ich keinen Plan B habe und es mich manchmal nervt, so macht es doch auch Spaß. Bei Erfolgen tanze ich durch mein Wohnzimmer, in dem immer mehr Platz zum tanzen ist. Ich trinke hier und da ein Bier auf die Freiheit. Irgendwie übernehme ich sogar richtig viel Verantwortung für mein Leben. Was witzig ist, weil das Ziel ist, für eine Weile weniger Verantwortung zu haben. So ist das wohl im Leben, man bekommt die Dinge nicht umsonst, man muss dafür etwas tun. Und manchmal muss es vielleicht erst einmal schwerer werden, damit es danach einfacher wird. Ich hätte gedacht, dass es mich stört, aber es erfüllt mich. Ich habe das Gefühl, dass ich gerade eine wahnsinnig wichtige Erfahrung mache und nebenbei noch viel über mich, über das Leben und alles mögliche andere lerne.

In zwei Wochen geht meine Reise in die nächste Phase, aber jetzt bin ich noch im hier und jetzt. Zwischen Möbeln, Kartons und Staub auf dem Boden. Genau hier fühle ich mich gerade auch wohl. Ich hoffe ihr fühlt euch hier mit mir wohl und begleitet mich auch bei den nächsten Schritten und auf den nächsten Wegen, die ich gehe.

Wohnung auflösen: Das Abenteuer hat längst begonnen

Ich habe die ganze Zeit gedacht, ich würde mich gerade einfach nur auf ein Abenteuer vorbereiten. Wer hätte gedacht, dass ich bereits mitten drin bin? Vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal etwas auf eBay verkauft und jetzt passiert das mehrfach pro Woche. Meistens kleine Sachen für wenig Geld, aber mit jedem Schritt komme ich der Wohnungsauflösung ein kleines bisschen näher. Und all meine Sachen durchzusehen, auszusortieren und dann um Preise zu feilschen ist ein ganz schönes Abenteuer.

Neulich gab es Besichtigungen für meine Wohnung und mehrfach kam der Kommentar: „Du hast ja so viele Bücher!“ Das war der Stand, nachdem ich bereits diverse Exemplare zum Verkauf eingeschickt hatte, vermutlich um die 50. Ich habe meine Bücher nie gezählt, aber erst jetzt ist mir bewusst geworden, wie viele es wirklich sind (ich habe sie auch jetzt nicht gezählt, aber sie werden optisch einfach kaum weniger). Wie werde ich sie jetzt also alle los? Die Antwort gab mir Anfang der Woche ein Freund. Stichwort: Bücherschrank. Überall in Frankfurt, und auch bei mir in der Nähe, gibt es sogenannte Bücherschränke. Gratis Bücher reinstellen, gratis Bücher mitnehmen. Ganz wonach man Lust hat. Deswegen habe ich jetzt einen Plan: Jeden Tag ein paar Bücher in meinen Rucksack packen, einen kleinen Spaziergang machen und die Bücher in den Bücherschrank stellen. Und meine Bücher kommen scheinbar gut an: Heute war keins der gestern hinein gestellten mehr vorhanden. Nachteil: Heute konnte ich nicht widerstehen und habe 3 neue Bücher mitgenommen. Aber die kann ich nach dem Lesen ja direkt wieder abgeben. Das ist eine super Sache.

Während ich mit der Buchsache mittlerweile ganz gut abgefunden habe, ist das mit meinen Schuhen eine ganz andere Sache. Aus irgendeinem wenig nachvollziehbaren Grund habe ich emotionale Bindungen zu Schuhen, die ich aus diversen Gründen so gut wie nie trage. Und jedes Mal, wenn ich daran denke, sie auszusortieren, möchte ich am liebsten weinen. Auf der anderen Seite stehen die Schuhe, die ich so oft trage, dass sie vermutlich irgendwann auseinander fallen und die ich aber auch auf jeden Fall behalten möchte. Wenn ich auf mein Bauchgefühl höre, habe ich bald eine Kombination aus untragbaren ungetragenen und untragbaren kaputten Schuhen. Die perfekte Lösung habe ich leider noch nicht, die finale Entscheidung steht noch aus. Außerdem weiß ich ja auch noch gar nicht, wie viele Paare ich überhaupt behalte, da kann man ja gar nicht die richtige Auswahl treffen. Ob mit einer Tasche voll mit nicht tragbaren Schuhen zu reisen wohl eine gute Idee ist?

Das bringt mich direkt zu dem nächsten Abenteuer: Kleidung aussortieren. Ich würde behaupten, dass ich bereits 2/3 meiner ursprünglichen Menge aussortiert habe. Mindestens die Hälfte davon habe ich sowieso nie getragen und vermisse sie tatsächlich nicht. Bis vielleicht auf die Jeansshorts, in die ich seit drei Jahren nicht mehr hinein passe. Die ist doch so schön! Die andere Hälfte ist der Hauptgrund, dass die aussortierte Kleidung immer noch in meiner Wohnung campiert: Falls mir davon doch etwas fehlt, habe ich jetzt noch die Möglichkeit, es zurück in den Kleiderschrank zu legen. Glücklicherweise ist das noch nicht passiert! Darüber, dass ich von dem 1/3 behaltener Kleidung vielleicht noch einen weiteren Teil aussortieren muss, weil es immer noch ziemlich viel ist, denke ich aktuell noch lieber nicht so genau nach.

Das Abenteuer hat also schon lange begonnen. Und auch wenn sich das meiste eher witzig anhört, so hab ich doch auch viele wirklich emotionale Momente. Da gehe ich spazieren, blicke auf den Taunus und muss die Tränen aus den Augenwinkeln wegblinzeln. Meine Bilder von den Wänden zu nehmen tat mir fast körperlich weh, das hat der Wohnung so viel Persönlichkeit genommen. Gleichzeitig macht es die Wohnung wieder mehr zu einer Wohnung und weniger zu einem zuhause und das macht es auf Dauer einfacher, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Den Gedanken, dass ich in siebeneinhalb Wochen aus dieser Wohnung ausziehe. Mit einem Rucksack, einer Tasche und nur ein paar wenigen Umzugskartons, die alle in ein Auto passen sollen. Das ist beängstigend und gleichzeitig so aufregend – ein Abenteuer eben!

Die Angst vor dem Loslassen – und wie ich mit ihr umgehe

Kennt ihr dieses Gefühl, das sich einstellt, kurz bevor ihr etwas ändert? Dieses Gefühl, dass euch aufzeigen will, wie schön doch alles aktuell gerade ist und die Veränderung absurd erscheinen lässt? Bei mir ist das sehr ausgeprägt. Das beste Beispiel ist immer ein Frisörbesuch. Seit Wochen bin ich unzufrieden mit meinen Haaren und habe das dringende Bedürfnis etwas zu verändern. Also vereinbare ich einen Termin beim Frisör. Ich male mir aus, wie gut ich danach aussehen werde und wie wohl ich mich mit meinen kürzeren Haaren fühlen werde. Wenn der Tag dann gekommen ist, fällt es mir plötzlich schwer mich zu erinnern, warum ich es für eine gute Idee gehalten habe. Ich schaue mich im Spiegel an, immer wieder, und hänge plötzlich ganz furchtbar an meiner jetzigen Frisur, meiner Haarlänge. Der Ist-Zustand, der mich eigentlich nicht zufrieden stellt, aber aus Angst vor der bevorstehenden Änderung auf einmal zur unerreichbaren Perfektion anwächst. Trotzdem sage ich meine Frisörtermine nicht ab, denn zum Glück weiß ich, wie unglaublich gut ich mich hinterher immer fühle. Wenn die Haare ab sind und ich keine Angst mehr davor haben muss, sie loszulassen zu müssen.

Nun habe ich jedoch nicht vor, meine Haare ein paar Zentimeter kürzer schneiden zu lassen. Stattdessen ist mein Ziel, ein paar Monate ohne feste Wohnung und ohne Job herauszufinden, was ich vom Leben will. Und im Gegensatz zum Frisörbesuch ist das kein Ereignis, das mehrfach pro Jahr stattfindet und mit dem ich Erfahrung habe. Das Gefühl jedoch kommt mir sehr bekannt vor. Meine Wohnung kommt mir noch viel schöner vor, jede Straße und jeder Baum dieser Stadt wecken Erinnerungen und das Treffen mit Freunden lässt mir schmerzlich klar werden, was bald nicht mehr so einfach möglich sein wird. Kurzum, ich sehe besonders die schönen Dinge, und gerade in diesen Momenten, wo alles perfekt scheint, kommt mir meine Idee absurd vor.

Das Gute ist, dass mich das nicht überrascht. Und dass ich dieses Gefühl mittlerweile da einordnen kann, wo es hingehört. In die Kategorie: Angst vor dem Loslassen. Es gibt hauptsächlich drei Faktoren, die mir helfen die Angst als solche zu erkennen und ihr nicht zu viel Macht zu verleihen:

1. In meinen Augen scheint zwar gerade vieles besonders schön zu sein, nicht aber mein Job. Ich zweifle vielleicht daran, ob es richtig ist, keinen Job zu haben. Aber ich zweifle nicht daran, dass es richtig war, diesen Job zu kündigen. Ich fühle mich einfach nicht gut damit. Er stresst mich, er macht mich unzufrieden, er zieht mich runter.

2. Meine Frisörbesuch-Metapher. Ich habe zwar keine Erfahrung mit solch weitreichenden Veränderungen, aber ich greife einfach auf Erfahrungen aus anderen Bereichen zurück. Vielleicht ist der Unterschied zwischen dem Frisörbesuch und meinem jetzigen Abenteuer gar nicht so groß. Vielleicht habe ich mehr Angst vor dem Loslassen als notwendig. Ich rechne einfach mal damit, dass ich mich nach dem Loslassen genauso befreit fühle wie nach einem Haarschnitt, nur eben im größeren Kontext. Wissen kann ich es nicht, aber was ist schon sicher im Leben?

3. Wenn ich die Veränderung jetzt nicht vornehme, dann werde ich mich weiterhin fragen, wie es wohl wäre. Selbst wenn es stimmt, und mein Herz nur in Frankfurt zuhause ist, so muss ich diesen Schritt wagen, um es herauszufinden. Und das lieber früher als später.

Das alles fällt mir nicht einfach, aber schon kleine Schritte haben mir gezeigt, dass dieser Weg funktionieren kann. Mittlerweile habe ich ein paar kleinere Gegenstände aus meiner Wohnung weggeben oder verkauft. Kurz davor war ich manchmal traurig, aber jetzt fühlt es sich gut an. Ich fühle mich weniger abhängig von meiner persönlichen Verbundenheit zu diesen Gegenständen, ich fühle mich freier und bin stolz auf mich, einen weiteren kleinen Schritt in Richtung Abenteuer gegangen zu sein. Der bisher größte Schritt nach den Kündigungen war das Verkaufen meines Autos. Ich habe nicht lange gezögert, sondern es so schnell wie möglich hinter mich gebracht. 7,5 Jahre hat es mich begleitet: Durch das Ende der Schulzeit, mein Studium, meinen Umzug nach Frankfurt. All diese Erinnerungen gingen auf der Fahrt zum Verkauf durch meinen Kopf. Nichts davon war auf dem Rückweg, den ich dann zu Fuß bewältigt habe, noch wichtig. Im Gegenteil, da war eine Leichtigkeit und die Zufriedenheit darüber, eine kleine Wanderung durch Frankfurt unternehmen zu können.

Wie ich mit der Angst vor dem Loslassen aktuell also umgehe? Ich lächle ihr entgegen, während die Tränen aus meinen Augen kullern. Während ich um das weine, was ich glaube zu verlieren, denke ich an das Gefühl, das sich nach dem Loslassen vermutlich einstellen wird. Und vor allem lasse ich das Gefühl zu. Ich darf Angst haben. Ich darf traurig sein. Ich darf meine Wohnung, meine Stadt, meine Abende mit Freunden vermissen. Denn das zeigt mir, dass ich nicht nur von etwas weglaufe, sondern vor allem auf etwas zu. Dass ich nicht alles hinter mir lasse, weil es schlecht ist, sondern primär um Raum für Neues zu schaffen. Dass es es nicht nur schwarz und weiß, richtig und falsch gibt, sondern eine riesige Palette an Gefühlen dazwischen. Und all das und noch viel mehr kann ich auf meiner Reise lernen und erleben.

There is no life at the comfort zone (…und wie ich vorhabe sie zu verlassen)

Ich weiß nicht, ob ich hier schon jemals so offen war. Aber offen sein ist auch ein Teil davon, sich außerhalb der Comfort Zone zu bewegen. Eine Entscheidung treffen, auch wenn vielleicht nicht jeder sie verstehen kann. Deswegen erzähle ich heute davon, was dieser Satz wirklich für mich bedeutet und wie er es überhaupt geschafft hat, diese Bedeutung für mich zu bekommen. Denn noch vor ein paar Monaten wäre es für mich wohl nur ein Spruch gewesen, der sich nett anhört und eine gute Instagram Caption ergibt.

Vor zwei Wochen habe ich meinen Job gekündigt. Einen gut bezahlten Job, der in ein paar Jahren zu einem Job mit einer noch besseren Position und einer noch höheren Bezahlung hätte führen können. Diese Woche werde ich meine Wohnung kündigen. Eine schöne 2-Zimmer-Wohnung, nicht weit von der Frankfurter Innenstadt entfernt, trotzdem nahe am Grünen, mit einem Südwest-Balkon und einer Badewanne. Nächsten Monat werde ich mein Auto verkaufen. Das Auto hat mich nun 7 Jahre lang begleitet und es war immer da, wenn ich es brauchte. Noch etwas später werde ich mein Bett verkaufen. Ein Traum von einem Bett, mit 1,60cm Breite, das in meinem blau gestrichenen Schlafzimmer steht, das ich nach all meinen Wünschen eingerichtet habe. Ich werde nach und nach die meisten meiner Bücher verkaufen und verschenken. Die Bücher, die eine komplette Wand an Billy-Regalen ausfüllen und die ich so sehr liebe. Übrig bleiben werden einige Kisten mit den wichtigsten Büchern, der wichtigsten Kleidung und Gegenständen, auf die ich nicht verzichten kann. Dazu eine Reisetasche.

Wieso ich mich von all diesen Dingen trennen möchte, obwohl sie mir doch scheinbar eine Menge bedeuten? Genau hier kommt der Satz „There is no life at the comfort zone“ ins Spiel. Seine Bedeutung für mich? Ganz einfach, er hilft mir das alles durchzuziehen. Ja, es ist schwer. Ja, ich habe fast geweint, als ich meinen kleinen Olivenbaum nach fast zwei Jahren weggegeben habe. Aber es ist nur eine Pflanze, nur eine Wohnung, nur ein Job. Nichts, was mich glücklich genug gemacht hätte, um mich nicht davon zu verabschieden. Denn mein Job macht mich aktuell nicht mehr glücklich. Er sorgt dafür, dass ich gereizt bin, dass ich unglücklich bin. Mir fehlt der Sinn, die Bedeutung, in dem, was ich jeden Tag, jede Woche dort tue. Meine Wohnung ist schön, aber sie ist teuer und hält mich nur davon ab, wirkliche Abenteuer zu erleben. Und der Olivenbaum? Davon finde ich in Südeuropa sicher unzählige in freier Natur.

Seit ich mich erinnern kann, habe ich bis auf wenige Ausnahmen immer den Weg verfolgt, der mich an den jetzigen Punkt gebracht hat. Gute Noten in der Schule, ein solides Studium, einen guten Job. Nur habe ich die meiste Zeit vergessen zu hinterfragen, was ich mache, wenn ich das erreicht habe. 6 Wochen im Jahr in den Urlaub fahren, ein teureres Auto kaufen, eine größere Wohnung mieten? Ich dachte wohl immer, dass es genau das ist, was mich glücklich macht. Aber jetzt reicht es mir nicht mehr. Jetzt habe ich in meiner Zeit auf den Kanaren erlebt, wie es sich anfühlt, verrückt zu sein. Ich habe so viele Menschen getroffen, die mich inspiriert haben. Ich habe die Freiheit gespürt. Mir ist bewusst geworden, wie wenig mich mein Job erfüllt. Und dann dachte ich: Da muss noch mehr sein. Was, wenn ich mutig bin? Was, wenn ich es wage? Was, wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben nur das Ziel habe, mich selbst besser kennen zu lernen und nichts zu erreichen? Was, wenn ich die nächste Entscheidung jetzt noch nicht treffen möchte?

Ich weiß nicht, ob ihr den Film „Briefe an Julia“ kennt, einer meiner Lieblingsfilme. Dort schreibt Amanda Seyfried eine Antwort an eine alte Dame, die vor vielen Jahren einen Brief an Julia geschrieben hat und sie um Rat bezüglich ihrer Liebe gefragt hat. In dieser Antwort gibt es nun eine Stelle, die ungefähr so lautet: Was und Wenn sind zwei harmlose Wörter. Aber setzt man sie nebeneinander, haben sie plötzlich die Kraft, einen den Rest seines Lebens zu verfolgen.
Ich möchte von meinen „was, wenn“-Fragen nicht den Rest meines Lebens verfolgt werden. Ich möchte sie erkunden, erleben, ausprobieren. An ihnen wachsen, von ihnen lernen und mit ihnen Fehler machen.

Vielleicht wird das die größte Reise meines bisherigen Lebens. Ich kenne nicht ihren Ablauf, nicht ihr Ziel. Weder weiß ich, wen ich unterwegs treffen werde, noch, wann und wo ich über mich hinauswachsen muss. Aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich den Mut, es herauszufinden. Ich werde mich auf diese Reise begeben und ich möchte hier von dieser Reise erzählen. Wie genau es ab Mitte Mai weitergeht erzähle ich ein anderes Mal, wenn meine wilden Ideen etwas geordnet sind, wenn ich so was ähnliches wie einen Plan habe. Nur etwas ähnliches, keinen festen Plan. Denn ich möchte mich vom Leben überraschen und mitreißen lassen, ich möchte offen sein. Offen für das Leben und offen, mich besser kennen zu lernen.

Rückblick 2018. Ausblick 2019.

Aufregend. Lebensverändernd. Berührend. Atemlos. Achterbahnfahrt. All diese Wörter beschreiben mein Jahr 2018 und treffen es zugleich doch nicht.

Ich habe meine Bachelorarbeit geschrieben. Mein Studium erfolgreich abgeschlossen. War Skifahren. Bin richtig im Berufsleben angekommen. War in Portugal. Habe mich an meinem ersten Megamarsch versucht und das Ziel nicht erreicht. Ich bin einen Halbmarathon gelaufen. War in Italien. Habe das Ende einer langjährigen Beziehung erlebt. Bin beruflich zwischen Hamburg und Frankfurt gependelt. Habe eine Wohnung in Frankfurt gefunden. Bin mit dem Auto alleine von Hamburg nach Frankfurt gefahren. Habe alleine ein Bett zusammen gebaut. Mein erstes Loch gebohrt und meine erste Lampe angeschlossen. Mir ein Zuhause in Frankfurt geschaffen.

So sehen die Fakten aus. Ganz schön viel für ein Jahr, finde ich. Allein daraus wird schon klar, wieso ich gerade diese beschreibenden Wörter ausgewählt habe. Aber noch deutlicher werden sie, wenn ich erzähle, wie ich dieses Jahr empfunden habe.

Ich dachte, ich würde an der Bachelorarbeit verzweifeln. Mir kamen die Tränen vor Glück als mir mein Zeugnis überreicht wurde. Habe das Adrenalin in jeder Faser meines Körpers gespürt als ich meine erste schwarze Piste gefahren bin. Ich bin an neuen beruflichen Herausforderungen gewachsen. War verzaubert von der Kraft und Weite des Atlantik und habe doch Italien in Portugal vermisst. Bin bei meinem Megamarsch durch die Hölle bis an meine Grenzen gegangen und darüber hinaus. Habe versagt und war doch unfassbar stolz auf meine Leistung. Ich bin 21 km gelaufen und auf der Zielgeraden gesprintet und habe mich so wahnsinnig gut gefühlt. In Italien habe ich einen Berg zu Fuß erklommen und stand mit klopfendem Herzen auf dem Gipfel. Das Gefühl hat mir den Atem geraubt und Freiheit geschenkt. Ich musste mit unendlichem Wehmut feststellen, dass nicht jede Liebe ewig hält. Ich durfte das Gefühl genießen, jede Woche mit dem Flugzeug abzuheben und über den Wolken zu sein. Ich habe mich in eine Stadt verliebt und mich dort mehr zuhause gefühlt als zu Hause. Erlebt, wie es sich anfühlt selbstbewusst zu sein und an sich zu glauben. Alleine etwas zu erreichen. Das erste mal meine Heimat wirklich hinter mir gelassen und alleine eine längere Autofahrt angetreten. Ich habe mich in Frankfurt glücklich und doch einsam gefühlt. Ich habe mir einen neuen Lebensabschnitt geschaffen und viel gelernt.

Wird es 2019 so weitergehen? Wird es ruhiger? Wer kann das schon sagen. Ich bin mir sicher, dass es ein Abenteuer wird. Nicht langweilig. Nicht perfekt. Aber es ist mein Leben und es ist einzigartig und ich will etwas Besonderes daraus machen. Ich möchte Sport machen und meine Grenzen ausloten. Verreisen und Ängste überwinden. Neue Leute treffen und bestehende Freundschaften pflegen. Ich möchte aus der Zeit das Beste machen, was mir möglich ist und nicht bereuen, etwas nicht getan zu haben.

Und nun wird gefeiert. Das Ende von 2018. Der Anfang von 2019. Prickelnder Sekt in unseren Gläsern, Freude in unseren Herzen. Auf 2019. Auf euch. Auf mich. Auf uns alle.