Mut, Salz und Schweiß – Tagebuch meines Segelabenteuers in der Adria

Mitte Juni fand ich auf Facebook einen Beitrag in einer Segelgruppe:

Koje frei vom 18.07.-30.07.2021. Segeln von Brindisi bis Lignano.

Da mein zweiter Impftermin für den 15.07. angesetzt war, schien mir der Zeitraum passend. Kurzerhand schrieb ich zurück: Habe Interesse! Daraufhin folgte ein kurzer schriftlicher Austausch und ein Telefongespräch. Ich dürfte gerne mitfahren, meine Erfahrung sei ausreichend. Außer mir würden aber nur Männer an Bord sein, ein klein wenig älter als ich. Ich wog ab: Abenteuer gegen Zweifel. Das Abenteuer siegte. Und so saß ich am 17.07. im Flugzeug von Frankfurt nach Brindisi, um zu ein paar fremden Leuten aufs Boot zu gehen und zwei Wochen die italienische Adriaküste hoch zu segeln. Unterwegs habe ich handschriftlich Tagebuch geschrieben. Das sind meine Erlebnisse und Empfindungen zum Zeitpunkt des Geschehens, völlig ehrlich!

19. Juli 2021

14:18 – Seit 5 Uhr bin ich wach, seit 6 Uhr sind wir auf dem Wasser. Ich war heute Morgen direkt fit und habe mich aufs Segeln gefreut. Nachdem ich einen schönen, wenn auch etwas wolkigen Sonnenaufgang beobachten konnte, haben wir abgelegt. Ich durfte am Steuer stehen und das Ablegemanöver fahren, nachdem ich beschrieben habe, wie ich es machen würde. Das war ziemlich cool. Dann stand ich die nächsten zwei Stunden am Steuer. Am Anfang dachte ich kurz, dass mein Magen den Wellen nicht standhält, aber dann ging es doch sehr gut. Das Segeln hat richtig Spaß gemacht, uns unserem 35 Seemeilen entfernten Ziel wegen Wind von Vorne jedoch kaum näher gebracht. Deswegen fahren wir jetzt schon seit einer Weile gegen Wind und Wellen. Unter Motor. Zwischendurch hüpft das Boot ordentlich auf und ab, aber ich gewöhne mich langsam daran. Seit 8 Stunden sind wir bereits auf dem Wasser und wir haben gerade mal die Hälfte der Strecke geschafft. Mit Autopilot gibt mir das echt viel Zeit, für die ich mir jedoch selber ein Handyverbot ausgesprochen habe – Ausnahme: Fotos + Musik. Also lese ich, schreibe mal wieder Reisetagebuch, habe sogar schon etwas Sport gemacht und denke viel nach. Über mein Date und meine Gefühle für ihn, die nächsten Monate, meine Zukunft. Vielleicht sehe ich irgendwann in den nächsten Tagen nach vielen Stunden auf dem Wasser ja klarer.
19:05 – Irgendwann haben wir aufgegeben. Selbst mit Motor sind wir kaum noch von der Stelle gekommen. 9 Seemeilen vor Monopoli gab es noch einen kleinen Hafen, den wir auf gut Glück mal angesteuert haben. Dahin konnten wir nochmal schön hart am Wind segeln. Um 8 Uhr abends, 14 Stunden nach Abfahrt, haben wir hier an der Mole hinter einem Fischerboot angelegt und hoffen, hier für die eine Nacht bleiben zu können. Was für ein aufregender, anstrengender erster „Segel“-Tag.
Später gab es dann noch ein Eis und einen Drink im hübschen, kleinen Örtchen. Anschließend an Deck den Schweiß und die Sonnencreme abduschen. Jetzt fühle ich mich wieder wie ein richtiger Mensch und bin gespannt auf alles, was noch kommt.

20. Juli 2021

18:03 – Heute Morgen im Hafen habe ich tatsächlich Sport gemacht. Und das sogar vor dem Frühstück. Nur ein kleines Workout mit dem eigenen Körpergewicht, aber immerhin! Danach haben wir abgelegt und sind bis Monopoli gesegelt, schön im Zick Zack gegen den Wind gekreuzt. Ich stand bestimmt 5 Stunden pausenlos am Steuer und habe jede Sekunde genossen. Für morgen stehen 24 Seemeilen auf dem Plan, wir müssen bis nach Bari. Weiterhin mit ordentlich Gegenwind und Welle von vorne. Der Plan ist bereits um 4 Uhr morgens loszufahren. Definitiv außerhalb meiner Komfortzone und ein Abenteuer, aber ich bin so bereit, wie ich es sein kann. Zwei Tage Gewöhnung an das Boot und die Wellen, jede Menge Hunger nach neuen Erfahrungen und keine Wahl.

21. Juli 2021

05:49 – Ich sitze hier mit Gänsehaut, weil der Wind langsam kühl wird. Aber ich ziehe mir nichts an, weil ich gleich die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut spüren werde. Vor zwei Stunden war noch alles stockdunkel und der Himmel voller Sterne. Vor Faszination und Respekt war ich ganz ruhig und habe immer wieder nach oben gestarrt. Hoffend auf eine Sternschnuppe, die mir meinen sehnlichen Wunsch erfüllen würde. Eine Sternschnuppe gab es leider nicht, dafür jedoch auch so Magie ohne Ende. Die ersten Sonnenstrahlen berühren meine Haut. Der Grad zwischen purem Glück und Melancholie ist besonders schmal in diesen Momenten. Um 4 Uhr heute Morgen durfte ich im Dunkeln ablegen. Ich habe mich sogar sicher gefühlt dabei.
19:40 – Heute sind wir wieder 12 Stunden lang gefahren. Viel Zeit zum Nachdenken über das Leben. Frankfurt, Flensburg, Gefühle. Immer und immer wieder. Jetzt am Abend Gespräche über den Tod. Beide Mitsegler hätten mal fast ihre Frauen verloren. Heftige Geschichten. In diesen Momenten wird mir bewusst, dass es so eine Person für mich nicht gibt.

22. Juli 2021

19:27 – Der Wind war uns heute recht wohlgesonnen. Wir konnten größtenteils segeln und mussten nicht einmal kreuzen. So sind wir sogar noch einen Hafen weitergekommen als geplant. Unser viertes Crewmitglied kommt nun doch nicht, also bleiben wir zu dritt. Nächste Woche segeln wir bei recht starkem Südwind 24-48 Stunden durch, weit weg vom Land. Ich hoffe, dass mein Magen auch den Vorwindkurs aushält. Zur Eingewöhnung werden wir morgen das erste Mal die Nacht durchfahren. 42 Seemeilen nicht direkt an der Küste entlang, sondern quer durch eine große Bucht hindurch. Einteilung von Wachschichten, meine sind: 18-20, 12-2 und 6-8 Uhr. Für die Nacht ist wenig Wind vorhergesagt, zur Eingewöhnung ist es also recht ruhig hoffentlich. Mir geht der Arsch echt auf Grundeis, wenn ich an den Vorwindkurs ab Sonntag denke. Meine Panik vor der Seekrankheit kommt da voll durch. Vor allem anderen habe ich Respekt, aber keine Panik.

23. Juli 2021

15:57 – Eben sind Delfine um uns herumgeschwommen. Sechs waren es und sie sind ewig lange geblieben. Sind geschwommen und gesprungen und ganz nah ans Boot gekommen. Was für majestätische, elegante und spaßige Tiere das sind. Das hat mich sprachlos gemacht, so schön war das.
21:00 – Manche Momente sind so schön, dass sie sich kaum in Worte fassen lassen. Das Meer ist fast glatt, der Sonnenuntergang taucht alles in ein magisches, pastellfarbenes Licht. Gegenüber der Vollmond in rot-orange. Und plötzlich taucht sogar noch ein Delfin auf. Kitschiger geht es nicht, aber auf die gute Art und Weise. Jetzt wird der Mond langsam heller und steigt höher, der Himmel wird immer dunkler und die ersten Sterne tauchen auf. Wenn es eine perfekte erste Nachtfahrt gibt, dann hat die hier definitiv Chancen darauf. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob ich bis 12 wach bleibe oder versuche, vorher noch etwas zu schlafen. Im Moment möchte ich auf jeden Fall noch draußen bleiben.

24. Juli 2021

20:42 – Im Mittelmeer gibt es Quallen. Also natürlich gibt es dort Quallen, irgendwo tief drin, das war mir schon klar. Aber, dass sie beim Ankern um das Boot schwimmen, das kannte ich noch nicht. Nur einzeln, aber noch gruseliger als in der Ostsee. Theoretisch auch schöner, ich kann jedoch im Zusammenhang mit Quallen nun einmal schlecht von schön sprechen. Zweimal habe ich mich getraut, ins Meer hinein zu hüpfen, mit ach und Krach und direkt wieder hinausklettern. Trotzdem, immerhin.
Nachdem wir den Tag heute entspannt vor Anker in der Bucht verbracht haben, sind wir nun zu unserer langen Strecke nach Ancona aufgebrochen. 150 Seemeilen auf direkter Strecke, mehr noch mit unserem Bogen, damit wir den Wind weiter draußen gut mitnehmen können. Zwei Nächte werden wir voraussichtlich durchfahren, vielleicht sieht man zwischendurch kein Ufer mehr. Jetzt geht es raus aus der Komfortzone. Denn: There is no life at the comfort zone!

25. Juli 2021

00:47 – Ich hatte keine Ahnung wie hart das wach bleiben sein kann. Tief und fest habe ich im Salon vor meiner Schicht geschlafen. Jetzt fühle ich mich, als ob ich schlafwandeln würde. Augen aufhalten, aufmerksam bleiben. Ballermann Musik zum Wach-Singen. Irgendwie werde ich es schon schaffen.
07:01 – Meine Schicht von 6 bis 8 Uhr mag ich. Zum Sonnenaufgang habe ich Nudeln mit Pesto gefrühstückt. Die Sonne scheint nun leicht durch die Wolken hindurch, wärmt aber bereits Haut und Herz. Auf Vorwindkurs fahren wir mit knapp 4 Knoten ganz gemütlich dahin, angeschoben vom Wind. Um uns herum ist nichts zu sehen, kein Land, wir sind nur von Wasser umgeben. Zwischendurch taucht mal ein Frachter am Horizont auf, sonst ist Meer in alle Richtungen so weit das Auge reicht. Ich höre jetzt gerade keine Musik, sondern genieße ganz bewusst die Stille und die Geräusche des Meeres und des Windes. Es ist unglaublich friedlich und ich bin unendlich dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen.
16:32 – Vorhin hatten wir über 20 Knoten Wind und ordentlich große Wellen. Bisher bin ich nicht seekrank geworden, deswegen war es ziemlich cool. Mein größtes Problem ist, dass ich tagsüber nicht schlafen kann und in meinen Nachtschichten dann kaum die Augen aufgehalten bekomme. Ich werde nachher nochmal zwischen 20 Uhr und Mitternacht versuchen, etwas Schlaf nachzuholen. Keine Ahnung, wie ich die Nacht sonst überleben soll.

26. Juli 2021

01:04 – Geschlafen habe ich maximal 1-2 Stunden, aber bisher kann ich meine Augen ganz gut aufhalten. Heute Nacht sind keine Sterne und auch nicht der Mond zu sehen, es ist sehr bewölkt. Ich habe mein T-Shirt ausgezogen und die lange Hose gegen eine kurze getauscht und höre trotzdem nicht auf zu schwitzen. Die Kombination aus Salz, Schweiß und Sonnencreme auf der Haut fühlt sich eklig an und ich sehne mich nach einer Dusche. Meine Haare sind zu einer klebrigen Masse verkommen. Trotz allem ist es wundervoll, nur vom Meer umgeben zu sein. Es schirmt die Welt irgendwie auch in den Gedanken ab. Alles, was nicht gerade jetzt eine Rolle spielt, ist hier nicht wichtig. Das Einzige was zählt, sind Wind, Wellen, essen, trinken und schlafen.
06:46 – Da ist wieder Land zu sehen am Horizont. Ich habe es nicht vermisst, aber es ist trotzdem so schön zu sehen. Wir sind jetzt seit 38 Stunden am Stück unterwegs und sicher noch weitere 6 Stunden liegen vor uns. Ich spüre Stolz in mir, dass ich mich das Abenteuer getraut habe und es gut meistere. Stolz darauf, dass ich es durchziehe. Stolz auf meinen Mut, meine gedankliche Disziplin, wenn sie dringend notwendig ist. Ich bin ein leidenschaftlicher, gefühlvoller Mensch, der keine Angst vor Verantwortung haben muss. Wenn mir das mal nicht auch im restlichen Leben weiterhilft.

27. Juli 2021

18:07 – Die Sonne scheint endlich wieder. Sie begleitet unseren entspannten Kurs in Richtung Venedig. Mit guten 4 Knoten gleiten wir sanft dahin. Heute Nacht steht die vierte und voraussichtlich letzte Nachtfahrt an. In Venedig werde ich von Bord gehen und fühle mich eigentlich noch gar nicht bereit dazu. Langsam fühle ich mich hier so zu Hause, dass ich anfange zu kochen. Vorhin habe ich mich an einen Apple Crumble herangetraut. Leider war der etwas zu lange im Ofen. Der essbare Teil hat trotzdem sehr gut geschmeckt. Nach Heimat und Wärme und Geborgenheit. Danach gab es nun zwei Bier. Und obwohl das Land inzwischen schon wieder nur noch schwach am Horizont zu sehen ist und wir mitten auf dem Meer sind, fühlt es sich gerade sehr nach Urlaub an. Sanftes Schaukeln, Sonnenschein und kein Stress. Noch zwei Tage an Bord der Jo Eh, dann geht es rüber ins Paradies von Sardinien. Eine neue Crew, neu einleben und kennenlernen, aber weiter segeln, segeln, segeln und an Bord leben. Quasi drei Wochen am Stück, ein neuer Rekord und so schön.

28. Juli 2021

00:37 – Ich liebe es, wenn ich während meiner Schicht die Segel setzen und den Motor ausschalten kann. Wenn der Lärm verstummt und nur noch das Plätschern des Meeres und das Rauschen des Windes zu hören sind. Über mir funkeln tausende Sterne, nun leider von einigen Wolken verdeckt. Dann lässt der Wind wieder etwas nach und wir sind deutlich langsamer als mit Motor. Also beobachten, abwarten, hoffen, dass segeln weiterhin geht. Wenn ich den Motor wieder anmachen muss, wachen alle auf und denken: Danke für nichts. Ich persönlich segele lieber kurz als gar nicht. Dafür bin ich schließlich hier.
01:11 – Und so schnell ist der Motor wieder an. Das war leider ein sehr kurzes Vergnügen. Nun ist der Wind wieder weg und die Wellen bremsen uns zusätzlich aus, lassen uns unregelmäßig schaukeln, als könnten sie sich nicht für eine Richtung entscheiden. Ich könnte mich jetzt ärgern, aber wozu? Segeln gehen heißt nun einmal sich von der Natur abhängig zu machen und geduldig zu sein. Vielleicht lehrt mich das Segeln am Ende tatsächlich noch etwas mehr Geduld.

29. Juli 2021

12:06 – Vor uns liegt Venedig. Nie hätte ich gedacht, dass meine erste Reise hierher auf einem Boot stattfindet und doch ist nichts passender. Wenn ich überlege, wie weit wir bis hierher unterwegs waren und welch verrücktes Abenteuer mich hierher gebracht hat, klopft mein Herz. Ich kann den ganzen Umfang noch gar nicht so richtig fassen, es ist einfach so unwirklich. Wie viele Eindrücke kann ein Mensch überhaupt aufnehmen?

30. Juli 2021

Eben habe ich die Jo Eh zum ersten Mal betreten – aufgeregt, nervös, mit Vorfreude und ängstlich – und nun sind schon zwei Wochen vorbei und ich muss mich verabschieden. Zu zwei fremden Männern bin ich an Bord gestiegen, zwei Freunde verlasse ich nun. Es gibt Dinge, die werden leichter, je öfter man sie macht. Und es gibt Dinge, die sind immer schwer und bleiben es auch. Abschiede gehören in die zweite Kategorie. An das Gefühl habe ich mich gewöhnt, aber leichter wird es dadurch nicht. Was mich tröstet ist, dass einem schweren Abschied immer eine schöne Zeit vorausgegangen ist. Eine Zeit, die jeden Abschied wert ist.
Zwei Wochen lang bin ich die italienische Adriaküste entlang gesegelt, habe Tage und Nächte auf engstem Raum verbracht, habe die tollsten Momente, größten Ängste und meinen überwältigenden Mut erlebt und würde keine Sekunde davon missen wollen. Ich bin überwältigt von meiner Liebe zum Segeln, dem Ausmaß der Erlebnisse und der Einfachheit des Erlebens gleichzeitig. Und ich bin unendlich glücklich, heute Abend schon wieder auf einem Boot sein zu dürfen!

4 Antworten auf „Mut, Salz und Schweiß – Tagebuch meines Segelabenteuers in der Adria“

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