Auf dem höchsten Berg Sloweniens – Triglavbesteigung in 2 Tagen

Die Idee

Es gab Zeiten, in denen habe ich recht viel Sport gemacht. Da hätte ich mich sogar als sportlich bezeichnet. Spätestens seit ich ohne Wohnung durch Europa reise, ist mein Sport jedoch auf Spaziergänge reduziert. Beim Segeln bewege ich mich meistens sogar noch weniger. Wenn ich also sage, dass es mit meinem aktuellen Fitnesslevel eine ziemliche Schnapsidee ist, auf den höchsten Berg Sloweniens zu klettern, dann ist das die Wahrheit. Aber Schnapsideen haben so ihren besonderen Reiz, vor allem wenn Michael dabei ist und ein großer Fan vom Umsetzen von Schnapsideen ist. Ohne ihn hätte ich das Ganze wohl nie gewagt.

Jetzt aber einmal von vorne: Bei einem Segeltörn auf Sardinien, den ich über Hand gegen Koje gefunden habe, habe ich Michael kennengelernt. Wie ich reist er ohne Wohnung und Enddatum umher, nur macht er das ganze schon ein bisschen länger. Sein Hauptreisemittel ist sein ausgebauter Van und in eben diesen hat er mich für eine Woche eingeladen. Also ging es gemeinsam durch Österreich und Slowenien. Ich wollte unbedingt etwas Großes, Besonderes unternehmen. So habe ich angefangen zu recherchieren, ob man so einfach auf den Triglav raufwandern könnte. Einfach nicht unbedingt, aber große Hindernisse waren auch nicht zu finden.

Der Triglav ist mit 2864 Metern Höhe der höchste Berg Sloweniens und zählt damit zu den Seven Summits der Alpen. So werden die höchsten Berge der jeweiligen in den Alpen liegenden Länder bezeichnet. Auf 2150 Metern Höhe befindet sich eine einfache Hütte, in der man ein Bett und etwas zu essen und zu trinken bekommen kann. Der Startpunkt für die einfachste Wanderung auf den Triglav liegt in Trenta auf etwa 700 Metern. Man kann den Triglav in ein oder zwei Tagen besteigen, je nach Lust und Fitnesslevel.

Die Vorbereitung

Uns war recht schnell klar, dass wir den Aufstieg und Abstieg niemals an einem Tag schaffen würden. Dafür machen wir beim bergauf wandern einfach viel zu oft Pausen, sodass wir um einiges langsamer sind als die angegebenen Zeiten. In der Hütte waren an dem Tag, an dem wir starten wollten, noch genau zwei Betten frei und so war es entschieden. Wir würden am ersten Tag die 1400 Meter zur Hütte hinauf gehen. Am nächsten Morgen würden wir die 700 Meter bis zum Gipfel in Angriff nehmen und anschließend den vollständigen Abstieg bewältigen. Oh Gott, worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Außer meinen Wanderschuhen war meine Ausrüstung quasi nicht vorhanden. Und überall stand etwas von Hüttenschlafsack – was war das und wo bekam ich das her? Kurzerhand suchte ich nach einem Sportgeschäft und wurde keine 5 Minuten von unserem Stellplatz fündig. Dort rüsteten wir uns aus: Hüttenschlafsack für uns beide, eine Wanderhose mit Reißverschluss zum Bein kürzen für mich und einen neuen Rucksack für Michael. Danach Foodshopping für unterwegs: Wasserflaschen, Müsliriegel, Pasta, Obst, Snacks.

Die Nacht vor unserer Wanderung verbrachten wir auf einem Campingplatz ganz in der Nähe des Startpunktes. Im Triglav Nationalpark ist Wildcampen leider strengstens untersagt und genau das hat uns ein Ranger auch noch einmal sehr deutlich gemacht. Wir bereiteten abends so viel wie möglich vor, um am nächsten Tag nur noch in die Klamotten hüpfen zu müssen. Gut gelaunt (Michael) und etwas skeptisch (ich! Außerdem hatte ich seit ein paar Tagen starke Zahnschmerzen, die das ganze Unterfangen sicher nicht einfacher gemacht haben) ging es dann zum Parkplatz. Rucksack aufsetzen, Auto abschließen und los in Richtung Triglav. Die ersten Kilometer liefen sich sehr gut, da der Weg nur eine sanfte Steigung hatte. Der Himmel war strahlend blau, die Temperatur genau richtig.

Der Aufstieg – Tag 1

Nach einigen Kilometer wurde der breite Weg dann zu unserem Wanderweg, der sich in nie aufhörenden Serpentinen den Berg hinauf schlängelte. Da Michi etwas flotter unterwegs war als ich, ist er öfter mal ein Stück vorgegangen und hat dann auf mich gewartet und so nicht mitbekommen, dass ich nach fast jeder Kurve erst einmal schwer atmend stehen geblieben bin. Aber Stück für Stück ging es weiter und die Aussicht wurde immer beeindruckender. Umgeben von Tannenwäldern stachen die hellgrauen und spitzen Berge vor dem azurblauen Himmel hervor, weiter unten grüne Wiesen und am Horizont viele weitere Berggipfel. Irgendwo bei der gefühlten Hälfte unserer Strecke machten wir dann eine lange gemütliche Pause, in der wir unsere leckere Pasta mit Gemüse verspeisten – Michael wollte lieber liegen und kam so in den Genuss einer Fütterung.

Als die Motivation nicht wirklich größer wurde und die Beine auch nicht munterer, ging es weiter bergauf. Langsam wurden die Bäume flacher, bis irgendwann nur noch Sträucher und Blümchen übrig blieben. Schließlich waren wir nur noch von grauen Felsen umgeben. Und dann sahen wir sie: Dort oben, ein ganzes Stück über uns war eine winzige Hütte zu sehen! Unser Tagesziel. Ein wenig spürte ich neue Kraft in meinem Körper und so bewältigten wir das letzte Stück. Was für ein Gefühl: 1400 Höhenmeter hatten wir geschafft. 700 sollten noch folgen. Meine eigenen Beine und Michis Ruhe, Geduld und Zuversicht hatten mich bis hierhin getragen. Zur Belohnung gab es erst einmal ein Bier. Am Nachmittag ging es für Michi Fotos machen und für mich ins Bett. Die Zahnschmerzen und allgemeine Erschöpfung hatten dazu geführt, dass ich fror und nicht mehr aufhörte zu zittern. Mit Fleecejacke und zwei Decken lag ich dort und versuchte ein wenig zu schlafen. Am Abend gab es noch einen Eintopf und dann eine mehr oder weniger erholsame Nacht.

Der Aufstieg – Tag 2

Der nächste Morgen weckte mich mit Zahnschmerzen und es fiel mir wahnsinnig schwer, etwas zu essen. Gleichzeitig verlangte mein Körper so dringend danach, um mit der Anforderung des Tages zurechtzukommen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten meinerseits wanderte es sich erstaunlich gut. Der Weg ging nicht nur bergauf, sondern auch mal auf einer Ebene voran und es waren keine gleichbleibenden Serpentinen, sondern unterschiedliche Wegverläufe. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch nicht den Gipfel gesehen, auf den es hinauf gehen sollte, aber jetzt tauchte er vor uns auf. Und wie! Wir befanden uns bereits auf circa 2400 Metern Höhe und trotzdem ragte der Gipfel noch hoch und spitz und gewaltig vor uns auf. Mein Herz rutschte mir in die Hose und durch die Hosenbeine hinaus auf meine Füße. Da sollte ich hoch? Nie im Leben! Ich verschob diesen Gedanken auf später, noch war der Weg ja gut begehbar.

Ein Stückchen später standen wir dann am Fuße des Triglav. Der „Weg“ hörte hier auf und stattdessen sah ich nur noch Felsen und Metallstangen im Felsen. Alle anderen trugen Helme. Natürlich besaß ich nicht einmal einen Helm. Aber ich hatte einen Engel dabei. Einen Engel auf zwei Beinen mit einem schweren Rucksack, in dem er einen Gurt zum Sichern sowie einen Helm mittrug. Ohne zu zögern bekam ich beides und hatte im Grunde keine Wahl (ich wollte nicht zugeben wie froh ich eigentlich darüber war, denn ich wollte ja cool sein). Beim Versuch, über die ersten Eisenstifte überhaupt hochzukommen, versagte ich in einer Kombination aus Angst und Hilflosigkeit kläglich. So kläglich, dass Michi, der bis dahin nicht eine Sekunde an mir gezweifelt hatte, sagte: Wenn du nicht willst, müssen wir hier nicht hoch. Das spornte mich an und anstatt aufzugeben bat ich ihn, mir zu zeigen, wie ich dort hochklettern könnte. Und siehe da: Mit ein bisschen Mut und Vertrauen in mich selbst klappte es.

Die nächsten 350 Meter waren dann eine von großer Angst und noch größerem Mut geprägte Kletterstrecke, die alles bisher gesehene weit übertraf. An den wenigsten Stellen konnte man sich wirklich sichern und teilweise ging es wirklich steil und tief nach unten. Irgendwann war der Gipfel tatsächlich in Sichtweite und ich rechnete damit, oben in Tränen auszubrechen. Stattdessen: Nichts. Ich setzte mich einfach hin und kämpfte mit den nicht eintreffenden, jedoch erwarteten Gefühlen. Spektakuläre Fotos wollte ich mir dann natürlich doch nicht entgehen lassen und so zog ich mich insgesamt dreimal trotz Kälte bis auf den Sport BH aus. So oft ist man schließlich nicht auf dem höchsten Berg Sloweniens. Nach dem obligatorischen Gipfelbier, etwas Essen und einer Schmerztablette (ja, die Zahnschmerzen sind bis auf den Gipfel mit hinauf gestiegen) wurde es dann Zeit für den Abstieg.

Der Abstieg

Hatte mich das Hinaufklettern schon gefordert, so erreicht die Herausforderung ein ganz neues Level mit dem Abstieg. Zum einen sieht man schwerer, wo man hintreten kann. Zum anderen ist jeder Blick in Richtung Füße gleichbedeutend mit einem Blick Richtung Abgrund, während es vorher der Blick in Richtung Berg war. Mit Worten versuchte ich mich von meinem Können zu überzeugen und es funktionierte: Irgendwann standen wir wieder am Ausgangspunkt und blickten hinauf zu dem Ungetüm. Da waren wir oben? Dort war ich hinauf geklettert? Es fiel mir schwer das zu glauben, obwohl ich die Anstrengung noch so frisch im Körper spürte.

Der Abstieg war dann eine Sache für sich. Bis zur Hütte ging es nun entspannt hinab. Danach kamen wieder die endlosen Serpentinen an die Reihe, die mich allein aufgrund der Weglänge ein bisschen abschreckten. Da kam die „Abkürzung“ wie gerufen. Gleiches Ziel, aber kürzere Strecke. Also steiler. Kein Ding, was sollte mich heute noch schocken? Ein bisschen rutschig war die Angelegenheit und irgendwann auch echt anstrengend, aber dafür sollten wir dann ja auch schneller unten sein. Dachte ich. Plötzlich standen wir erneut vor einem Kletter-Abschnitt. Begeistert war ich nicht, aber mittlerweile war ich darin ja geübt. Gurt und Helm trug ich nicht mehr, aber aus Erfahrung konnte man sich ja eh nur selten sichern und das hier war sicher nur ein kurzes Stück. Dachte ich. Dann kam nämlich noch eins und noch eins und noch eins. Mein ganzer Körper schmerzte und es kostete mich große Anstrengung die richtigen Griffe und Tritte zu erwischen. Dann die schlimmste Erkenntnis des Tages für mich: Wir waren irgendwie vom Weg abgekommen. Wir kletterten gerade einen Hang hinab, der nicht mal mehr offizieller Weg war. Mit einem Stückchen hinaufklettern schafften wir es wieder zurück, aber das raubte mir die letzte Kraft. Mental.

Von da an kämpfte ich bei jedem Schritt mit den Tränen. Jeder Schritt war eine Qual. Jeder Kletterabschnitt der Horror. Ich redete ununterbrochen mit mir selber. Dass ich es schaffen würde. Dass ich noch nicht weinen dürfte. Dass ich die Hand hierhin und den Fuß dorthin setzen müsste. Mein Körper zeigte mir, dass er zu unglaublichen Leistungen fähig war. Endlich erreichten wir das Ende der Abkürzung und trafen zurück auf den normalen Weg, der von hier noch 4 Kilometer bis zum Parkplatz ging. Ich erlaubte mir kurz zu weinen und auf dem Boden zusammenzusinken. Doch es nützte alles nichts, ich musste weiter. Mittlerweile fing ich wieder an zu frieren und neben meinen Muskeln schmerzten auch noch die Gelenke – wie wenn man Fieber hat und nicht weiter als vom Bett bis zur Toilette gehen möchte. Naja, waren ja nur 4 km. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und weinte stumme Tränen. Michi konnte mir nicht helfen, in meinem Zustand bekam er nur zickige Worte von mir zu hören. Also versuchte ich möglichst wenig zu sagen. Auf den letzten 2 km nahm er mir sogar noch den Rucksack ab.

Als wir das Auto tatsächlich im Dunkeln – nach 14 Stunden unterwegs sein – erreichten, weinte ich vor Freude und Erschöpfung. Auf dem Campingplatz bekamen wir zum Glück noch einen Platz auf dem Parkplatz gegenüber und selbst der Gang zur Toilette erschien fast unmöglich. Ein paar Seiten Buch lesen, gemütlich unter die Decke gekuschelt, und zwei Nektarinen später (mehr essen war mit meinen Schmerzen nicht möglich) sah die Welt schon wieder etwas freundlicher aus.

4 Tage lang sollte ich diese Wanderung noch in Form von Muskelkater spüren. Am schlimmsten war es an Tag 2 nach der Wanderung, da war Gehen fast unmöglich. Ähnlich lange dauerte es auch, bis ich anfing Stolz zu empfinden. Inzwischen bin ich unendlich stolz, trotz der Zahnschmerzen, trotz meiner Angst und trotz der wahnsinnigen sportlichen Herausforderung dort auf den Gipfel gestiegen zu sein. Außerdem weiß ich, dass ich mit Michi Pferde stehlen bzw. Berge besteigen kann (danke!). Und irgendwie hat es die Lust in mir geweckt, noch mehr solcher Abenteuer zu erleben. Es gibt schließlich die Seven Summits der Alpen und dies war erst der Erste.

Mut, Salz und Schweiß – Tagebuch meines Segelabenteuers in der Adria

Winsch im Sonnenuntergang

Mitte Juni fand ich auf Facebook einen Beitrag in einer Segelgruppe:

Koje frei vom 18.07.-30.07.2021. Segeln von Brindisi bis Lignano.

Da mein zweiter Impftermin für den 15.07. angesetzt war, schien mir der Zeitraum passend. Kurzerhand schrieb ich zurück: Habe Interesse! Daraufhin folgte ein kurzer schriftlicher Austausch und ein Telefongespräch. Ich dürfte gerne mitfahren, meine Erfahrung sei ausreichend. Außer mir würden aber nur Männer an Bord sein, ein klein wenig älter als ich. Ich wog ab: Abenteuer gegen Zweifel. Das Abenteuer siegte. Und so saß ich am 17.07. im Flugzeug von Frankfurt nach Brindisi, um zu ein paar fremden Leuten aufs Boot zu gehen und zwei Wochen die italienische Adriaküste hoch zu segeln. Unterwegs habe ich handschriftlich Tagebuch geschrieben. Das sind meine Erlebnisse und Empfindungen zum Zeitpunkt des Geschehens, völlig ehrlich!

19. Juli 2021

14:18 – Seit 5 Uhr bin ich wach, seit 6 Uhr sind wir auf dem Wasser. Ich war heute Morgen direkt fit und habe mich aufs Segeln gefreut. Nachdem ich einen schönen, wenn auch etwas wolkigen Sonnenaufgang beobachten konnte, haben wir abgelegt. Ich durfte am Steuer stehen und das Ablegemanöver fahren, nachdem ich beschrieben habe, wie ich es machen würde. Das war ziemlich cool. Dann stand ich die nächsten zwei Stunden am Steuer. Am Anfang dachte ich kurz, dass mein Magen den Wellen nicht standhält, aber dann ging es doch sehr gut. Das Segeln hat richtig Spaß gemacht, uns unserem 35 Seemeilen entfernten Ziel wegen Wind von Vorne jedoch kaum näher gebracht. Deswegen fahren wir jetzt schon seit einer Weile gegen Wind und Wellen. Unter Motor. Zwischendurch hüpft das Boot ordentlich auf und ab, aber ich gewöhne mich langsam daran. Seit 8 Stunden sind wir bereits auf dem Wasser und wir haben gerade mal die Hälfte der Strecke geschafft. Mit Autopilot gibt mir das echt viel Zeit, für die ich mir jedoch selber ein Handyverbot ausgesprochen habe – Ausnahme: Fotos + Musik. Also lese ich, schreibe mal wieder Reisetagebuch, habe sogar schon etwas Sport gemacht und denke viel nach. Über mein Date und meine Gefühle für ihn, die nächsten Monate, meine Zukunft. Vielleicht sehe ich irgendwann in den nächsten Tagen nach vielen Stunden auf dem Wasser ja klarer.
19:05 – Irgendwann haben wir aufgegeben. Selbst mit Motor sind wir kaum noch von der Stelle gekommen. 9 Seemeilen vor Monopoli gab es noch einen kleinen Hafen, den wir auf gut Glück mal angesteuert haben. Dahin konnten wir nochmal schön hart am Wind segeln. Um 8 Uhr abends, 14 Stunden nach Abfahrt, haben wir hier an der Mole hinter einem Fischerboot angelegt und hoffen, hier für die eine Nacht bleiben zu können. Was für ein aufregender, anstrengender erster „Segel“-Tag.
Später gab es dann noch ein Eis und einen Drink im hübschen, kleinen Örtchen. Anschließend an Deck den Schweiß und die Sonnencreme abduschen. Jetzt fühle ich mich wieder wie ein richtiger Mensch und bin gespannt auf alles, was noch kommt.

20. Juli 2021

18:03 – Heute Morgen im Hafen habe ich tatsächlich Sport gemacht. Und das sogar vor dem Frühstück. Nur ein kleines Workout mit dem eigenen Körpergewicht, aber immerhin! Danach haben wir abgelegt und sind bis Monopoli gesegelt, schön im Zick Zack gegen den Wind gekreuzt. Ich stand bestimmt 5 Stunden pausenlos am Steuer und habe jede Sekunde genossen. Für morgen stehen 24 Seemeilen auf dem Plan, wir müssen bis nach Bari. Weiterhin mit ordentlich Gegenwind und Welle von vorne. Der Plan ist bereits um 4 Uhr morgens loszufahren. Definitiv außerhalb meiner Komfortzone und ein Abenteuer, aber ich bin so bereit, wie ich es sein kann. Zwei Tage Gewöhnung an das Boot und die Wellen, jede Menge Hunger nach neuen Erfahrungen und keine Wahl.

21. Juli 2021

05:49 – Ich sitze hier mit Gänsehaut, weil der Wind langsam kühl wird. Aber ich ziehe mir nichts an, weil ich gleich die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut spüren werde. Vor zwei Stunden war noch alles stockdunkel und der Himmel voller Sterne. Vor Faszination und Respekt war ich ganz ruhig und habe immer wieder nach oben gestarrt. Hoffend auf eine Sternschnuppe, die mir meinen sehnlichen Wunsch erfüllen würde. Eine Sternschnuppe gab es leider nicht, dafür jedoch auch so Magie ohne Ende. Die ersten Sonnenstrahlen berühren meine Haut. Der Grad zwischen purem Glück und Melancholie ist besonders schmal in diesen Momenten. Um 4 Uhr heute Morgen durfte ich im Dunkeln ablegen. Ich habe mich sogar sicher gefühlt dabei.
19:40 – Heute sind wir wieder 12 Stunden lang gefahren. Viel Zeit zum Nachdenken über das Leben. Frankfurt, Flensburg, Gefühle. Immer und immer wieder. Jetzt am Abend Gespräche über den Tod. Beide Mitsegler hätten mal fast ihre Frauen verloren. Heftige Geschichten. In diesen Momenten wird mir bewusst, dass es so eine Person für mich nicht gibt.

22. Juli 2021

19:27 – Der Wind war uns heute recht wohlgesonnen. Wir konnten größtenteils segeln und mussten nicht einmal kreuzen. So sind wir sogar noch einen Hafen weitergekommen als geplant. Unser viertes Crewmitglied kommt nun doch nicht, also bleiben wir zu dritt. Nächste Woche segeln wir bei recht starkem Südwind 24-48 Stunden durch, weit weg vom Land. Ich hoffe, dass mein Magen auch den Vorwindkurs aushält. Zur Eingewöhnung werden wir morgen das erste Mal die Nacht durchfahren. 42 Seemeilen nicht direkt an der Küste entlang, sondern quer durch eine große Bucht hindurch. Einteilung von Wachschichten, meine sind: 18-20, 12-2 und 6-8 Uhr. Für die Nacht ist wenig Wind vorhergesagt, zur Eingewöhnung ist es also recht ruhig hoffentlich. Mir geht der Arsch echt auf Grundeis, wenn ich an den Vorwindkurs ab Sonntag denke. Meine Panik vor der Seekrankheit kommt da voll durch. Vor allem anderen habe ich Respekt, aber keine Panik.

23. Juli 2021

15:57 – Eben sind Delfine um uns herumgeschwommen. Sechs waren es und sie sind ewig lange geblieben. Sind geschwommen und gesprungen und ganz nah ans Boot gekommen. Was für majestätische, elegante und spaßige Tiere das sind. Das hat mich sprachlos gemacht, so schön war das.
21:00 – Manche Momente sind so schön, dass sie sich kaum in Worte fassen lassen. Das Meer ist fast glatt, der Sonnenuntergang taucht alles in ein magisches, pastellfarbenes Licht. Gegenüber der Vollmond in rot-orange. Und plötzlich taucht sogar noch ein Delfin auf. Kitschiger geht es nicht, aber auf die gute Art und Weise. Jetzt wird der Mond langsam heller und steigt höher, der Himmel wird immer dunkler und die ersten Sterne tauchen auf. Wenn es eine perfekte erste Nachtfahrt gibt, dann hat die hier definitiv Chancen darauf. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob ich bis 12 wach bleibe oder versuche, vorher noch etwas zu schlafen. Im Moment möchte ich auf jeden Fall noch draußen bleiben.

24. Juli 2021

20:42 – Im Mittelmeer gibt es Quallen. Also natürlich gibt es dort Quallen, irgendwo tief drin, das war mir schon klar. Aber, dass sie beim Ankern um das Boot schwimmen, das kannte ich noch nicht. Nur einzeln, aber noch gruseliger als in der Ostsee. Theoretisch auch schöner, ich kann jedoch im Zusammenhang mit Quallen nun einmal schlecht von schön sprechen. Zweimal habe ich mich getraut, ins Meer hinein zu hüpfen, mit ach und Krach und direkt wieder hinausklettern. Trotzdem, immerhin.
Nachdem wir den Tag heute entspannt vor Anker in der Bucht verbracht haben, sind wir nun zu unserer langen Strecke nach Ancona aufgebrochen. 150 Seemeilen auf direkter Strecke, mehr noch mit unserem Bogen, damit wir den Wind weiter draußen gut mitnehmen können. Zwei Nächte werden wir voraussichtlich durchfahren, vielleicht sieht man zwischendurch kein Ufer mehr. Jetzt geht es raus aus der Komfortzone. Denn: There is no life at the comfort zone!

25. Juli 2021

00:47 – Ich hatte keine Ahnung wie hart das wach bleiben sein kann. Tief und fest habe ich im Salon vor meiner Schicht geschlafen. Jetzt fühle ich mich, als ob ich schlafwandeln würde. Augen aufhalten, aufmerksam bleiben. Ballermann Musik zum Wach-Singen. Irgendwie werde ich es schon schaffen.
07:01 – Meine Schicht von 6 bis 8 Uhr mag ich. Zum Sonnenaufgang habe ich Nudeln mit Pesto gefrühstückt. Die Sonne scheint nun leicht durch die Wolken hindurch, wärmt aber bereits Haut und Herz. Auf Vorwindkurs fahren wir mit knapp 4 Knoten ganz gemütlich dahin, angeschoben vom Wind. Um uns herum ist nichts zu sehen, kein Land, wir sind nur von Wasser umgeben. Zwischendurch taucht mal ein Frachter am Horizont auf, sonst ist Meer in alle Richtungen so weit das Auge reicht. Ich höre jetzt gerade keine Musik, sondern genieße ganz bewusst die Stille und die Geräusche des Meeres und des Windes. Es ist unglaublich friedlich und ich bin unendlich dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen.
16:32 – Vorhin hatten wir über 20 Knoten Wind und ordentlich große Wellen. Bisher bin ich nicht seekrank geworden, deswegen war es ziemlich cool. Mein größtes Problem ist, dass ich tagsüber nicht schlafen kann und in meinen Nachtschichten dann kaum die Augen aufgehalten bekomme. Ich werde nachher nochmal zwischen 20 Uhr und Mitternacht versuchen, etwas Schlaf nachzuholen. Keine Ahnung, wie ich die Nacht sonst überleben soll.

26. Juli 2021

01:04 – Geschlafen habe ich maximal 1-2 Stunden, aber bisher kann ich meine Augen ganz gut aufhalten. Heute Nacht sind keine Sterne und auch nicht der Mond zu sehen, es ist sehr bewölkt. Ich habe mein T-Shirt ausgezogen und die lange Hose gegen eine kurze getauscht und höre trotzdem nicht auf zu schwitzen. Die Kombination aus Salz, Schweiß und Sonnencreme auf der Haut fühlt sich eklig an und ich sehne mich nach einer Dusche. Meine Haare sind zu einer klebrigen Masse verkommen. Trotz allem ist es wundervoll, nur vom Meer umgeben zu sein. Es schirmt die Welt irgendwie auch in den Gedanken ab. Alles, was nicht gerade jetzt eine Rolle spielt, ist hier nicht wichtig. Das Einzige was zählt, sind Wind, Wellen, essen, trinken und schlafen.
06:46 – Da ist wieder Land zu sehen am Horizont. Ich habe es nicht vermisst, aber es ist trotzdem so schön zu sehen. Wir sind jetzt seit 38 Stunden am Stück unterwegs und sicher noch weitere 6 Stunden liegen vor uns. Ich spüre Stolz in mir, dass ich mich das Abenteuer getraut habe und es gut meistere. Stolz darauf, dass ich es durchziehe. Stolz auf meinen Mut, meine gedankliche Disziplin, wenn sie dringend notwendig ist. Ich bin ein leidenschaftlicher, gefühlvoller Mensch, der keine Angst vor Verantwortung haben muss. Wenn mir das mal nicht auch im restlichen Leben weiterhilft.

27. Juli 2021

18:07 – Die Sonne scheint endlich wieder. Sie begleitet unseren entspannten Kurs in Richtung Venedig. Mit guten 4 Knoten gleiten wir sanft dahin. Heute Nacht steht die vierte und voraussichtlich letzte Nachtfahrt an. In Venedig werde ich von Bord gehen und fühle mich eigentlich noch gar nicht bereit dazu. Langsam fühle ich mich hier so zu Hause, dass ich anfange zu kochen. Vorhin habe ich mich an einen Apple Crumble herangetraut. Leider war der etwas zu lange im Ofen. Der essbare Teil hat trotzdem sehr gut geschmeckt. Nach Heimat und Wärme und Geborgenheit. Danach gab es nun zwei Bier. Und obwohl das Land inzwischen schon wieder nur noch schwach am Horizont zu sehen ist und wir mitten auf dem Meer sind, fühlt es sich gerade sehr nach Urlaub an. Sanftes Schaukeln, Sonnenschein und kein Stress. Noch zwei Tage an Bord der Jo Eh, dann geht es rüber ins Paradies von Sardinien. Eine neue Crew, neu einleben und kennenlernen, aber weiter segeln, segeln, segeln und an Bord leben. Quasi drei Wochen am Stück, ein neuer Rekord und so schön.

28. Juli 2021

00:37 – Ich liebe es, wenn ich während meiner Schicht die Segel setzen und den Motor ausschalten kann. Wenn der Lärm verstummt und nur noch das Plätschern des Meeres und das Rauschen des Windes zu hören sind. Über mir funkeln tausende Sterne, nun leider von einigen Wolken verdeckt. Dann lässt der Wind wieder etwas nach und wir sind deutlich langsamer als mit Motor. Also beobachten, abwarten, hoffen, dass segeln weiterhin geht. Wenn ich den Motor wieder anmachen muss, wachen alle auf und denken: Danke für nichts. Ich persönlich segele lieber kurz als gar nicht. Dafür bin ich schließlich hier.
01:11 – Und so schnell ist der Motor wieder an. Das war leider ein sehr kurzes Vergnügen. Nun ist der Wind wieder weg und die Wellen bremsen uns zusätzlich aus, lassen uns unregelmäßig schaukeln, als könnten sie sich nicht für eine Richtung entscheiden. Ich könnte mich jetzt ärgern, aber wozu? Segeln gehen heißt nun einmal sich von der Natur abhängig zu machen und geduldig zu sein. Vielleicht lehrt mich das Segeln am Ende tatsächlich noch etwas mehr Geduld.

29. Juli 2021

12:06 – Vor uns liegt Venedig. Nie hätte ich gedacht, dass meine erste Reise hierher auf einem Boot stattfindet und doch ist nichts passender. Wenn ich überlege, wie weit wir bis hierher unterwegs waren und welch verrücktes Abenteuer mich hierher gebracht hat, klopft mein Herz. Ich kann den ganzen Umfang noch gar nicht so richtig fassen, es ist einfach so unwirklich. Wie viele Eindrücke kann ein Mensch überhaupt aufnehmen?

30. Juli 2021

Eben habe ich die Jo Eh zum ersten Mal betreten – aufgeregt, nervös, mit Vorfreude und ängstlich – und nun sind schon zwei Wochen vorbei und ich muss mich verabschieden. Zu zwei fremden Männern bin ich an Bord gestiegen, zwei Freunde verlasse ich nun. Es gibt Dinge, die werden leichter, je öfter man sie macht. Und es gibt Dinge, die sind immer schwer und bleiben es auch. Abschiede gehören in die zweite Kategorie. An das Gefühl habe ich mich gewöhnt, aber leichter wird es dadurch nicht. Was mich tröstet ist, dass einem schweren Abschied immer eine schöne Zeit vorausgegangen ist. Eine Zeit, die jeden Abschied wert ist.
Zwei Wochen lang bin ich die italienische Adriaküste entlang gesegelt, habe Tage und Nächte auf engstem Raum verbracht, habe die tollsten Momente, größten Ängste und meinen überwältigenden Mut erlebt und würde keine Sekunde davon missen wollen. Ich bin überwältigt von meiner Liebe zum Segeln, dem Ausmaß der Erlebnisse und der Einfachheit des Erlebens gleichzeitig. Und ich bin unendlich glücklich, heute Abend schon wieder auf einem Boot sein zu dürfen!

Wie ich mich ins Segeln verliebte…

Wenn auf einem sonst kaum gepflegten Blog schon bereits zwei Beiträge zu erlebten Segelreisen zu finden sind, so lässt sich ein gewisses Interesse nicht leugnen. Mittlerweile ist es jedoch mehr als die Erinnerung an ein paar entspannte Urlaubstage. Es fühlt sich an, als hätte ich eine neue Leidenschaft gefunden, auch wenn ich sehr vorsichtig mit diesem Begriff bin.

Ich habe oft die Angewohnheit, mich für einen kurzen Zeitpunkt für ein Thema zu begeistern und es dann wieder aus den Augen zu verlieren oder es nach einiger Zeit doch nicht mehr so spannend zu finden. Deswegen fällt es mir oft schwer, darauf zu vertrauen, dass ich etwas wirklich mag. Nun, da ich seit über einem Jahr eigentlich non-stop ans Segeln denke, bereits vier Törns und über 500 Seemeilen hinter mich gebracht habe und mir zwischen den Törns Filme, Instagram-Stories und Youtube Videos über das Segeln ansehe, wage ich es, das Thema als Leidenschaft ernst zu nehmen.

Von einem Segeltörn, der gar keiner war

Wenn ich überlege, wie es anfing, dann ist mein erster Gedanke mein Segeltörn in Kroatien, der eigentlich keiner war. Es war eine Woche auf einem Segelboot, nur gesegelt wurde eigentlich nicht. Es wurde gegessen, getrunken, geschwommen und es wurden verschiedene Inseln erkundet und diverse Parties gefeiert. In Split im Hafen wurde mir bewusst, dass das Boot viel größer sein würde, als ich es mir vorgestellt hatte. Der Fokus würde viel mehr auf dem Feiern mit der Gruppe liegen als auf allem anderen. Spaß gemacht hat es trotzdem. Jede Nacht in einem anderen Hafen schlafen, jeden Vormittag in einer neuen Bucht schwimmen gehen, jeden Nachmittag eine neue Insel kennen lernen. Das Boot wird zum Lebensmittelpunkt, dort wird gegessen, geduscht, geschlafen. Es ist Dancefloor, Sprungbrett und Liegewiese. Das Grundprinzip gefiel mir und am Ende der Woche verließ ich das schwimmende zuhause nur sehr ungerne.

Wie bin ich nun aber eigentlich auf die Idee mit Kroatien gekommen? Tatsächlich sprang der Funke schon ganze zwei Jahre früher über. Auf meinem eintägigen Segelausflug auf Sardinien. Es waren nur ein paar Stunden auf dem Meer, aber ich habe zum ersten Mal im Leben die Magie des Segeln entdeckt. Wenn der Motor ausgeschaltet wird und das Boot allein vom Wind angetrieben dahin gleitet. Zwei Jahre später bei der Überlegung, welchen Urlaub ich wohl gut alleine machen könnte, kam dann die Idee. Warum nicht dieses wundervolle Gefühl eine Woche lang genießen, das Boot nicht am Abend verlassen müssen.

Nun hatte ich also einen Tag wirklich Segeln erlebt und eine Woche auf einem Boot leben. Meine Erkenntnis: Segeln ist faszinierend und schön – ein Boot mit Koch, Barkeeper und Koch und reiner Fahrt unter Motor jedoch nicht das ganz Richtige, jedenfalls nicht für eine Wiederholung. Auf einem Boot schlafen, aufwachen und vormittags ins Meer springen wollte ich trotzdem gerne nochmal erleben.

Von der Faszination, den Alltag beim Segeln zu vergessen

Im August 2019 hatte ich mir eine Woche Urlaub genommen, aber noch keine Idee, was ich machen sollte. Ich tauschte mich mit meiner Freundin über meinen Bootsurlaub in Kroatien aus und sie erzählte mir von ihrem Segeltörn im vergangenen Jahr. Eine Woche auf einer Segelyacht in Griechenland, mit ihrer Schwester und ein paar anderen jungen Leuten, die sie erst auf dem Boot kennen lernte. Von einer entspannten Zeit, tollen Menschen und schönen Erlebnissen. Also schaute ich mir Join the Crew einmal selbst an. Das Konzept klang toll, aber irgendwie hatte ich auch Angst. Angst davor seekrank zu werden, mich nicht in die Gruppe von 8 anderen Menschen einzufügen.

Auf einmal blieben noch 3 Tage bis zu meinem Urlaubsbeginn und ich entdeckte eine freie Koje auf einem Törn in Mallorca. Ich beschloss aufs Ganze zu gehen und machte Nägel mit Köpfen. Buchte den Törn, buchte einen Flug und packte zwei Tage später bereits meine Tasche. Ich habe hier bereits darüber berichtet, deswegen will ich gar keine Details loswerden. Nur, dass es mich gepackt hat. Sowohl das Segeln bei ruhiger See als auch das Segeln bei ordentlich Welle. Wie aus Fremden eine Crew wird, wie jedes selbstgekochte Essen zum Sterne-Mahl wird, wie auf das Anlegen angestoßen wird und wie es ist, vor dem Frühstück und mitten in der Nacht ins Meer zu springen. Ich gebe zu, dass ich nicht viel über das Segeln gelernt habe und mein Dauerzustand eher angetrunken als nüchtern war. Doch ich war fasziniert und wollte mehr.

Mehr bekam ich dann in der Karibik. Eine andere Crew, ein anderes Boot. Luxusleben auf dem Katamaran, ganze zwei Wochen. Auch diesen Törn genoss ich die meiste Zeit, er hat jedoch nicht ganz das Glücksgefühl von Mallorca hinterlassen. Ich las viel beim Segeln und konnte mich schön entspannen, aber ich fühlte mich auch ein klitzekleines Bisschen einsam. Vielleicht tat ich mich doch schwer damit, mich in eine Gruppe Fremder einzufügen? Dieses Mal ärgerte es mich, dass ich es nicht so richtig geschafft hatte, etwas zu lernen. Gab ich mir nicht genug Mühe? Da waren Zweifel, aber trotzdem schon der Plan im nächsten Jahr wieder segeln zu gehen und dem ganzen weiterhin eine Chance zu geben.

Von der Begeisterung für Knoten und Schoten

Und so bekam das Segeln die nächste Chance genau da, wo alles anfing. In Sardinien, La Maddalena und zur Krönung einem Abstecher nach Korsika. Zwischen Homeoffice und Abstandsregeln setzte ich mich ins Flugzeug nach Olbia und blickte meiner ersten Reise des Jahres 2020 entgegen. Alleine die Tatsache, dass der Törn überhaupt möglich war, machte ihn zu etwas ganz Besonderem. Und so sollte es den Rest der Woche bleiben und immer besser werden. Im Schnelldurchlauf: Tolle Crew. Eine Urlaubsliebe. Delfine beim Frühstück. Sternschnuppen vom Deck betrachten. Sterne, Sterne, noch mehr Sterne. Lagerfeuer am Strand. Durchtanzte Nacht in fast leerer Beachbar. Klares Wasser. Weiße Strände. Tiefblaue See. Wind. Genug Wind, um die ganze Zeit zu segeln. Segelunterricht. Welche Kurse gibt es? Wie funktioniert das Segeln? Welche Segelstellung für welchen Kurs? Wie heißt welche Leine? Welche Schot erfüllt welchen Zweck? Was ist beim Steuern zu beachten. Wende. Halse. Palstek. Webeleinstek.

Auf einmal war meine Faszination für den Segelsport geweckt. Segeln war mir wichtiger als in der Sonne zu liegen. Ich wollte lieber mitmachen als zugucken. Wollte verstehen und mir die Dinge merken. Noch Wochen später sagte ich mir Begriffe im Kopf auf, um sie nicht zu vergessen. Konnte den nächsten Törn kaum erwarten und dachte das erste daran einen Schein zu machen. Verwarf es wieder. Das würde ich eh kaum hinkriegen bei meinem Geschick. Und was sollte ich überhaupt damit anfangen? Lieber nicht…

Etwa zwei Monate später fand ich mich dann bereits wieder auf einer Yacht wieder. Über die Warteliste kurzfristig einen Platz bekommen. Griechenland, Ende September, immer noch 30 Grad. Mit an Bord wieder eine tolle Crew, die super gemeinsam funktioniert hat. Ein entspannter Skipper, und eine erfahrene Co-Skipperin. Ich durfte mein erstes Manöver fahren – Boje über Bord. Mit viel Platz nach oben was die Ausführung angeht, aber auch dem Gefühl, es irgendwann lernen zu können. Dieses Mal fasste ich in allen Bereichen noch mehr mit an, übte Knoten, Klampenbelegung und die Nutzung der Winschen. Und in der Mitte der Woche, motiviert vom Zuspruch meiner Crew und meinem Skipper, begeistert vom Spaß, den ich beim Segeln mehr denn je empfand, meldete ich mich zum Bootsführerschein an. Entgegen meiner Bedenken, ob ich es schaffen würde oder ob es wirklich eine Zweck hätte.

Von dem Mut wieder zu träumen

In ein paar Tagen startet meine Theorieeinheit. Drei volle Tage Theorieunterricht. Sportbootführerschein See und Binnen in Kombination. Zwei Praxisstunden. Und drei Wochen danach sollen dann bereits die Praxis- und Theorieprüfung stattfinden. Sicher kein leichtes Unterfangen, aber ich freue mich drauf. Ich möchte alles lernen, alles verstehen und meinem Ziel – dem SKS – näher kommen.

Wenn das nämlich alles klappt wie ich es mir vorstelle, dann kann ich im neuen Jahr mit der Theorie für den SKS anfangen. Der berechtigt mich dann sogar, selbst Skipper auf einer Yacht zu sein. Und auch wenn das für mich noch in ferner Zukunft steht, so bin ich doch ehrgeizig den ersten Schritt zu wagen. Meine neue Leidenschaft weiter zu verfolgen und das Träumen großer Träume wieder zu erlernen. Was mich erwartet? Wer weiß? Aber es fühlt sich gut und richtig an!

Auf den Spuren von Captain Jack Sparrow – Segeln in der Karibik

Weiße Strände, Leichtigkeit und immer eine Flasche Rum parat. Das stellt man sich wohl vor, wenn man an die Karibik denkt. Daran wie Jack Sparrow durch die Gegend torkelt. Und all das ist die Karibik, aber auch noch so viel mehr.

Es geht los…

Der Flug geht direkt von Frankfurt nach Grenada, dank Condor kostet jedes Bier extra, aber wir haben ja schließlich Urlaub. Die Stimmung ist gut, die Vorfreude auf ein bisschen Sommer im Dezember groß. Und dann nach 10 Stunden taucht die grüne Insel endlich unter uns auf – und der kleinste Flughafen, den ich bisher kennen lernen durfte. Die Sonne scheint heiß auf die Haut und die ganzen Eindrücke lassen mich mit dem Verarbeiten gar nicht hinterherkommen.

Als ich mein Zuhause für die nächsten zwei Wochen betrete, einen Katamaran mit richtigem Kühlschrank und einer Lounge, kann ich mein Glück kaum fassen. Ein karibisches Abendessen mit traditionellem Rumpunch, eine aufgrund des Jetlags sehr schlafarme Nacht und einen erlebnisreichen Einkauf später geht die Reise endlich los. Raus auf das Meer, der Freiheit entgegen.

Gleich am ersten Tag gibt es beim Schnorcheln unter Wasser Statuen zu sehen – leider finden wir nur eine einzige. Dafür aber Fische und Seeigel und witzig geformte Pflanzen am Meeresboden. Danach das erste selbst gekochte Abendessen an Bord – Spaghetti Bolognese – und den Abend über wird dann Werwolf gespielt. Dazu das ein oder andere Bier und viele glückliche Gesichter.

Die nächsten Tage verschwimmen ineinander. Viel Sonnenschein, viel Wind, ab und zu einen heftigen Regenschauer. Schwimmen, schnorcheln, weiße Strände, Palmen. Es ist absolut traumhaft und in echt noch so viel schöner als auf Fotos. Nach einem langen Tag an einem wunderschönen Strand geht es abends mit dem Dingi zurück dorthin um einen Cocktail zu trinken und Barbecue zu essen. Chicken, Fisch, Lobster, jeder hat die Wahl. Dazu mit Knoblauch gefüllte Kartoffeln und gebratene Kochbananen. Zum Abschluss einen Rumpunch. So sieht ein perfekter Tag aus.

Ein paar Tage – oder auch ein paar Ewigkeiten oder Sekunden, wer kann das schon so genau sagen – später sind wir auf St. Vincent angekommen. Abends geht es relativ früh ins Bett, denn am nächsten Tag ist eine zeitige Abreise angesagt. Es geht einmal quer über die Insel, um auf einen Vulkan zu wandern. Winston, unser persönlicher Führer und zwei weitere Fahrer holen uns ab. 14 Leute in ein Auto und ab geht die Fahrt. Dschungel auf der linken Seite, Strände und Meer auf der rechten. Dazwischen kleine Orte, Menschen, die vor ihren Häusern sitzen, jeder scheint jeden zu kennen.

Dann geht es tiefer in den Dschungel: Palmen, Bananenstauden, Bambus. Alles ist grün und leuchtet. Je höher wir wandern, umso kühler und windiger wird es, umso flacher die Pflanzen. Und umso schlechter die Sicht. Keuchend erreiche ich den höchsten Punkt und muss mir den Krater leider vorstellen – zu sehen ist nämlich nichts. Spaß gemacht hat es trotzdem und die Bewegung tat unendlich gut. Auf dem Rückweg gibt es Geschichten und Gesang von Winston. Und den besten Schokoladensmoothie aus Banane und Nutella, den ich je getrunken habe.

Einmal ein Foto vor dem Krater bitte

Nachdem anstrengendsten Teil kommt nun der wohl schönste. Der Rückweg Richtung Grenada wird begonnen und endlich können wir weite Strecken segeln. Ohne Motor über das Meer zu gleiten ist gleich nochmal schöner. Hin zu den Tobago Cays, einem unvorstellbar schönem Fleckchen Erde. Kleine Inseln mit Hügeln und schneeweißen Stränden. In allen vorstellbaren Blau- und Türkistönen schimmerndes Wasser. Und dann taucht zum ersten Mal der Kopf einer Schildkröte auf. Alle schauen hin.

Zwei Tage lang wird immer wieder gerufen, wenn jemand eine Schildkröte sieht. Und immer noch schauen die meisten hin. Einmal neben und über einer Schildkröte schwimmen, sie beim Schnorcheln beobachten. Das ist wahnsinnig beeindruckend und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Ebenso wie die Leguane an Land. Und der Sternenhimmel in der Nacht. Kein Licht ringsherum, nur der Mond und die Sterne. Millionen von funkelnden Sternen, das leise an den Strand plätschernde Meer und die Palmen. Man kann sich kaum etwas schöneres vorstellen.

Wenige Tage später kommt dann schon wieder die Marina von Grenada in Sicht. Es wird aufgeräumt, zusammengepackt, alles für die Abreise vorbereitet. Die letzte Nacht im Paradies – die erste Nacht, die ich draußen schlafe. Es ist windgeschützt und bleibt ausnahmsweise mal trocken. So verbringe ich die allerletzte Nacht unter Sternenhimmel, sehe die Morgenröte langsam die Schwärze der Nacht vertreiben und weiß, dass dies ganz sicher nicht mein letzter Segelurlaub war.

Einmal um Mallorca herum – auf dem Segelboot

Segeln. Oder auch: Camping auf dem Meer. Freiheit. Schwimmen im Mondlicht. Verlust des Zeitgefühls. Ganztags-Outfit Bikini.

Unser Boot: Die Suchon

Klingt wie aus einem Buch? Einem Kitsch-Roman? Klingt nach einem Reiseanbieter? Klingt nach der Wahrheit? Es ist die Wahrheit. Segeln ist kein Sightseeing Urlaub, obwohl man jeden Tag an einem anderen Ort ist. Es ist kein Luxusurlaub, weil selbst kochen und aufräumen und mithelfen angesagt sind. Kein einfacher Urlaub, weil nicht immer nur Sonnenschein und spiegelglattes Meer an der Tagesordnung sind.

Die Bucht von Cabrera, eine unbewohnte Insel südlich von Mallorca. Hier haben wir die vorletzte Nacht bei Vollmond verbracht.

Es ist Meer als Sightseeing, es ist jeden Tag ein Erlebnis. Jeden Tag sehen die Wellen anders aus. Eine andere Bucht, eine andere Küstenlinie, eine neue Wassertiefe. Am Strand, auf dem offenen Meer, im Hafen. Jeder Zentimeter des Bootes wird erkundet. Bis es am Ende einer Woche ein zuhause ist. Fremde werden zu Freunden. Auf engstem Raum kommt man miteinander aus. Lernt sich kennen. Man fragt sich weniger gegenseitig aus. Man lebt. Als würde man sich schon ewig kennen. Man fühlt sich an Land fehl am Platz und erst zurück auf dem Boot rückt alles an seinen Platz.

An Deck schlafen und aufwachen, weil einem alles wehtut und zufällig diesen Sonnenaufgang sehen.

Es ist Meer als Luxusurlaub. Es ist der Luxus, dass das einfachste Essen wie ein Sternemenü schmeckt. Gemeinsam essen und lachen und reden. Es ist der Luxus, aus dem Bett aufzustehen und draußen zu sein. Der Luxus, nicht auf die Uhr gucken zu müssen. Man kann unter dem Sternenhimmel schlafen und zum Sonnenaufgang aufwachen. Jeder Abend wird zur eigenen kleinen Party. Tiefgründige Gespräche nach zu vielen Gläsern Wein. Mitten in der Nacht nackt ins Wasser springen, weil ja eh niemand einen sieht. Einfach einen Pulli über den Bikini anziehen, wenn es mal zu kühl wird. Die Wellen gegen das Boot schlagen hören. Lachen.

Port de Sóller. Da haben wir uns für den nächsten Tag Wind gewünscht – und bekommen, in voller Kraft.

Es ist Meer als einfach. Es ist einfach, seine Grenzen zu überwinden. Denn man hat keine Wahl. Windstärke 7. Das Boot wirkt winzig zwischen den riesigen Wellen. Es schwankt nach rechts, nach links, taucht vorne ins Wasser ein. Wasser spritzt über das ganze Boot, badet mich. Ich lache. Ich stehe am Steuer und bewege das Boot durch diesen Wahnsinn. Noch nie habe ich so etwas erlebt. Es raubt dir den Atem. Macht dich stärker.

Sonnenuntergang auf Cabrera

Und zwischen alldem: An Deck liegen. Sonnen. Nichts ist unbequemer als ein Boot. Und doch habe ich es in der Sekunde des Verlassens vermisst. Alles schrumpft zusammen auf diese paar Meter Boot. Die Menschen, mit denen du da bist. Morgens schwimmen gehen. Abends schwimmen gehen. Mal kaltes, mal warmes Bier. Eine Million Lieder. Eine Million Geschichten. Witze, Spitznamen. Unendlichkeit. Und dann rast die Zeit. Gänsehaut eine Woche lang.

Salzige, ungekämmte Haare. Glücklich von den Haarspitzen bis zu den Zehenspitzen.

Das Handy ist nur noch für die Musik da. Selten ein paar Fotos. Konzentriert auf das Wahrnehmen von jedem Moment. Das Speichern von Erinnerungen im Herzen. Der Versuch, dieses Gefühl festzuhalten. Bis zum nächsten Mal. Denn die Frage ist nicht ob. Sondern wann.

Segeln. Oder auch: Camping auf dem Meer. Schwimmen. Kochen. Ankern. Sonnen. Salz auf der Haut und im Haar. Trinken. Lachen. Leben.

Alleine unterwegs auf Mallorca – Teil 1

Anreise

Eine Woche Urlaub alleine. Eine Woche die Sonne genießen, während es zu Hause noch kalt ist. Eine Woche am Mittelmeer, eine meiner liebsten Regionen. Was zwei Monate vorher beim Buchen noch aufregend und wagemutig klang, kam mir kurz vor dem Abflug eher beängstigend und dumm vor. Ich hatte Geld dafür ausgegeben, um alleine zu sein? Wo ich zuhause immer die Bahn statt dem Auto nehme, weil ich so ein Schisser bin, wollte ich auf Mallorca mit einem Mietwagen umher fahren. Es war verrückt, aber ich wollte es versuchen.

Auf dem Flug wechselten sich weiterhin Vorfreude, Aufregung und Panik ab. Der erste Anblick der Insel raubte mir den Atem. Leuchtend blaues Meer, leuchtend blauer Himmel, Berge, Bäume, Verheißung. Viel zu schnell saß ich hinter dem Steuer meines Mietwagens. Ohne die geringste Ahnung, wie ich in Spanien in einem fremden Auto alleine überleben sollte. Es kam mir unmöglich vor, das jemals zu schaffen. Also fuhr ich los. Nachdem ich dreimal auf die Autobahn rauf und wieder runter gefahren bin, hatte ich endlich die richtige Richtung erwischt und konnte mich ein wenig entspannen. Also einmal quer über die Insel. Verunsichert erreichte ich Cala Figuera, den Ort, an dem ich eine Woche alleine bleiben wollte. Ich war ziemlich fertig mit den Nerven nach der Fahrt, aber auch ein bisschen stolz, dass ich es durchgezogen hatte. Auch mein Zimmer gefiel mir gut, schlicht und einfach, aber perfekt für mich.

Tag 1

Freche Möwe am Hafen

Zum ersten Mal seit Jahren packte ich meinen Koffer aus – vollständig und räumte meine Kleidung in den Schrank. So fühlte ich mich ein wenig zu Hause, angekommen. Bewaffnet mit meiner Kamera ging ich los, um den Ort zu erkunden. Ich musste nur um zwei Straßenecken gehen, um das Meer zu erblicken. Und was das für ein Ausblick war. Fasziniert von der Schönheit blieb ich staunend stehen. Die Fotos hatten nicht zu viel versprochen, ich hatte mir das Paradies ausgesucht. So startete ich meine Erkundungstour um die Bucht herum. Leuchtend türkises Wasser, kleine Fischerboote, Möwen. Ich kletterte hoch zu einem Turm, von dem man einen wahnsinnigen Blick auf das offene Meer und die Klippen bewundern konnte. Dort saß ich einfach nur, lauschte dem sanften Rauschen der Wellen und fühlte mich fast nicht einsam.

Aussicht auf die Cala Figuera
Süße Fischerboote
Da war jemand noch entspannter als ich…

Die Panik kam zurück zum Abendessen. Nun musste ich alleine los, mich alleine für ein Restaurant entscheiden, mich alleine an einen Tisch setzen und alleine Essen. Kurz dachte ich an den Supermarkt, nahm dann aber meinen Mut zusammen. Ich wollte diesen Urlaub genießen, ich wollte auf nichts verzichten. Bewaffnet mit einem Buch setzte ich mich nach einigem Zögern an einen Tisch mit dem besten Blick auf diese wunderschöne Bucht. Um mich herum Familien und Paare. Tapfer bestellte ich in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Spanisch und genoss meinen Rioja zu einer leckeren Pizza. Zum Abschluss gab es gratis einen Baileys, kein schlechter Start in den Tag. Drei Mal habe ich noch in demselben Restaurant gegessen, jedes Mal lecker und jedes Mal etwas mutiger und unbefangener.

Tag 2

So beginnt der erste richtige Urlaubstag…

Am ersten Morgen klingelte mein Wecker um 6:15, früher als normalerweise zur Arbeit. Ich wollte so unbedingt einen Sonnenaufgang über dem Meer ansehen und kletterte über Felsen ans äußerste Ende der Bucht. Ich wurde nicht enttäuscht. Es fing an mit sanften rosafarbenen Streifen am Himmel bis der orangefarbene Feuerball am Horizont auftauchte. Gänsehaut-Feeling pur.

Farbexplosion
Der Sonnenaufgang mit den allerschönsten Farben

Zurück auf meinem Zimmer wurde ich unsicher. Ich hatte noch sieben Tage Zeit für mich und nicht die geringste Ahnung, was ich machen sollte. Es war niemand da, der mir etwas vorschlagen oder mich mitnehmen konnte. Noch immer leicht verängstigt in Bezug auf Auto fahren hab ich mir ein Fahrrad geliehen. Wasser und Essen eingepackt, Kamera dazu, Helm auf den Kopf (dort herrscht nämlich Helmpflicht wie ich herausfinden musste) und einfach los. Direkt neben an war der Parc Naturale de Mondrago, ein hübsches Naturschutzgebiet.

Ausnahmsweise mal mit Helm
Menschenleerer Strand s’Amarador
Wenn man alleine ist, gibt es halt Selfies!

Mein erster Weg führte mich – wie könnte es anders sein – zu einem hübschen Strand in einer Bucht. Fast menschenleer war es früh morgens. Eine Stunde lang blickte ich nur aufs Meer und genoss die Aussicht. Später fuhr ich weiter, guckte mir Porto Petro und Cala d’Or an, weitere Buchten und unterschätzte gnadenlos wie anstrengend 30-40 Kilometer Radfahren sind! Abends war ich erschöpft und glücklich und wusste direkt, dass ich den nächsten Tag am Strand, den ich morgens gefunden hatte, verbringen wollte.

Schweinepopo und faules Ferkel
Später am Tag war es dann sehr windig und bewölkt, also gab es nur ein Foto und dann ging es weiter.

Tag 3

s’Amarador im Sonnenschein

Mit meiner Angst vor dem Auto fahren überlegte ich lange hin und her, ob ich die 5 km zum Strand zu Fuß oder mit dem Auto zurücklegen sollte. Am Ende siegte die Vernunft und ich nahm das Auto. Natürlich hab ich mich mehrfach verfahren und musste auf irgendwelchen Sandwegen mit Felsen und Schlaglöchern mitten im Nirgendwo wenden. Glücklicherweise erreichte ich doch noch den Strand und verbrachte einen traumhaften Tag mit Lesen, Sonnen, Schwimmen im eiskalten Wasser und wundervollem Nichtstun. Die Einsamkeit saß mir immer im Nacken, aber solange ich die Nase im Buch und die Zehen im Sand vergraben hatte, behielt ich sie gut im Griff!

Und noch ein Selfie…

Schneewanderung auf den Feldberg – Liebeserklärung an den Taunus

Glitzernd weiß überzogene Tannen. Eiszapfen an Zweigen. Eine Eisschicht an Gebäudewänden. Das satte Knirschen des Schnees unter den Schuhen. Kinder und Erwachsene in Schneejacken und Schneehosen. Eine atemberaubende Aussicht auf umliegende Häuserdächer und Berggipfel. Ein heißer Kakao in einer rustikalen Hütte, gemeinsam mit Fremden an einem großen Tisch. Klingt nach tiefstem Winter in Österreich? Nach einer langen Anreise? Nach einer Gondelfahrt ans Ziel?

Fast. Tiefster Winter auf knapp 900 Meter Höhe. Eine halbstündige Anreise mit der U-Bahn. Einige Kilometer wandern bis zum Ziel. Ein Sonntagsausflug auf den Feldberg. Nicht den im Schwarzwald. Den großen Feldberg im Taunus, nur ein Stückchen außerhalb von Frankfurt, meiner neuen Heimat.

Mein Ziel war es, ein bisschen wandern zu gehen. Für den Megamarsch 2019 zu trainieren. Vielleicht ein bisschen Schnee sehen zu dürfen. Meinen Traum von Bergen vor der Haustür zu leben. Ich kam mir albern vor, bei Temperaturen über null Grad meine Skijacke anzuziehen. Mitten in Frankfurt. Einen Wanderrucksack zu packen. Wandersocken und Stiefel anzuziehen. Meine bisher nur in Österreich getragenen Wanderschuhe hab ich nicht angezogen. Mitten in Frankfurt.

Die U-Bahn ist gefüllt mit Menschen. In Winterjacken, Winterhosen, Wanderstiefeln. Ausgerüstet mit Schlitten, Wanderstöcken und gepackten Rucksäcken. Plötzlich war gar nichts mehr albern, plötzlich war alles richtig. Mitten in Frankfurt. Auf dem Weg nach nicht mehr Mitten in Frankfurt. Angekommen in Hohemark (Oberursel) lagen ein paar Schneereste am Straßenrand, zum Rodeln würde das wohl kaum reichen. Aber ich wollte ja nur wandern, also stapfte ich los. Direkt hinein in den Wald, bald schon auf einer festen Schneedecke laufend.

Fast hätte es sogar die Sonne durch die Wolkendecke geschafft…

Zarte, kleine Schneeflocken fielen vom Himmel. Nicht genug, um die Schneedecke zu erhöhen. Aber genug für das Gefühl in einer anderen Welt zu sein. Mitten im Winterwunderland. Schon bald war ich dankbar für meine Skijacke und ärgerte mich über die dünne Jeans, die ich trug. Mit jedem Schritt ging es höher, die Schneedecke wurde dichter, die Luft kühler. Dann lag der Schnee auch auf Baumstämmen, Ästen, Zweigen, Tannennadeln. Überall glitzerte es weiß. Leichte Flocke schwebten weiterhin vom Himmel hinab. Ein Aussichtspunkt, der Himmel wolkenverhangen. Mystische Schönheit im Taunus. Mitten im Winterwunderland. Alleine auf der Welt.

Ausblick vom Altkönig

Unterwegs gab es einen warmen Kakao in einer Hütte. Richtiges Hüttenfeeling gab es beim Fuchstanz. Schlitten, Winterjacken, dicke Stiefel. Rote Wangen, rote Nasen, strahlende Augen. Gestärkt und aufgewärmt stand nun der letzte Teil des Aufstiegs auf den Feldberg an. Wenn ich als Kind gewusst hätte, was rodeln gehen wirklich bedeutet. Hinauf auf den Berggipfel und dann die Wanderwege hinab sausen.

Auf dem Gipfel vom Feldberg

Ein kalter Wind, der mir um die Ohren pfeift. Jeder Ast, jeder Zweig, alles eingefroren, vom Wind getroffen. Weiß, soweit das Auge reicht. Mitten im Winterwunderland. Ich staune und friere, mache Fotos und friere. Ich fühle mich frei und bin so unglaublich glücklich und friere. Mitten im Winterwunderland. Nicht mehr ganz mitten in Frankfurt, aber mitten in meiner neuen Heimat. Ein besonderes Erlebnis an einem normalen Tag. Urlaub am Wochenende, Urlaub zu Hause.

Serie: Megamarsch München 2018 – Der große Tag

Wanderrucksack

Samstag, 12.05.2018 (Geburtstag!!!):

Um die große Frage vorweg zu nehmen – ich habe es nicht geschafft und doch jede Menge erreicht.

9 Uhr morgens: Ich sitze beim Frühstück und irgendwie will ich nicht so richtig etwas essen. Am Abend vorher fing Aufregung an, als ich alle wichtigen Sachen vor mir ausgebreitet habe um sie heute morgen einzupacken. Ich weiß, ich sollte ordentlich frühstücken, aber meine Aufregung lässt es nicht zu. Später, sage ich mir, später im Biergarten esse ich noch etwas.

Der Vormittag zieht an mir vorbei, ich denke immer wieder über meine Vorbereitung und meine Ausrüstung nach, lese mich durch Facebook Beiträge zum bevorstehenden Marsch. Dann in der U-Bahn treffen wir die erste Teilnehmerin. Wir kommen ins Gespräch und legen den Weg zum Startpunkt gemeinsam zurück, wollen auch gemeinsam starten. Im Biergarten so viele Teilnehmer: Wanderschuhe, Turnschuhe, große Rucksäcke, kleine Rucksäcke. Jeder ist anders gekleidet und anders ausgerüstet und ich versuche meine Nerven zu beruhigen dass meine Ausrüstung ebenfalls geeignet ist. Das Essen fällt erneut sehr kläglich aus, die Aufregung ist einfach zu groß. Auf einmal nur noch eine Stunde bis zum Start. Nochmal die Toilette aufsuchen, Füße mit Hirschtalg einreiben, Sonnencreme ins Gesicht. Schweren Herzens meinen Liebsten verabschieden.

15:30 Uhr: Wir reihen uns in die wartenden Teilnehmer am Start ein. Eine Spannung liegt in der Luft, Nervosität gepaart mit Vorfreude. Angst kämpft mit der Zuversicht. Die Minuten vergehen. Beim Eintritt in den Startbereich wird kräftig gedrängelt. Jeder will endlich losgehen. Und dann wird runter gezählt:

10

9

8

7

6

5

4

3

2

1

Und los geht es, begleitet von Trommeln. So bedeutend und nebenbei eigentlich unspektakulär, den gegangen sind wir ja auch schon auf dem Weg hierher.

16:15 Uhr: Wir folgen der Isar, genießen die Natur, Idylle und Ruhe. Trotz vieler Menschen ist es weitgehend ruhig. Ein bisschen fühlt es sich an wie Urlaub, Menschen sonnen sich am Ufer, wir gehen weiter. Wir haben einen zügigen Schritt drauf, mir eigentlich zu zügig, aber ich will jetzt nicht alleine gehen, also passe ich mich an. Die ersten 20 Kilometern gehen recht flüssig, obwohl ich schon wieder ein Scheuern an meinen Fersen spüre. Die letzten 3 Kilometer zur Verpflegungsstation ziehen sich. Als wir ankommen bin ich unendlich erschöpft.

20:30 Uhr: Ich esse etwas, ich bin richtig ausgehungert und das Essen gibt mir Energie. Ich versorge die Blasen, fülle das Wasser auf, lausche den Gesprächen der anderen. Meine Begleitung geht weiter, ich ruhe mich noch etwas aus. Ich entschließe mich, die Schuhe zu wechseln. Die Sonne geht unter, jetzt heißt es vorbereiten auf die Nacht: Jacke an, Stirnlampe aus dem Rucksack holen, Magnesium und Ibuprofen einwerfen. Noch einmal schnell das Dixi Klo besuchen und dann geht es alleine weiter.

21 Uhr: Die nächste Etappe sind nur 15 Kilometer. In meinen leichten Schuhen geht es sich besser, die Füße werden wieder fitter. Das Tempo bleibt weiter zügig, weil es sich jetzt gut anfühlt. Es wird immer dunkler, langsam zeigt sich die Nacht. Der Himmel ist sternenklar und die Luft noch warm. Ein schöner Abend, an dem die Grillen zirpen und die Menschen grillen. Nur wir nicht, wir gehen weiter. Ich halte mich hier und da an Gruppen, bleibe jedoch stumm und genieße es nur, nicht ganz allein zu sein. Eine Weile folge ich einer Gruppe, die laut Schlagermusik hört. Das gibt richtig Energie und ich hänge mich dran, obwohl sie schnell gehen. Ehe ich mich verstehe, bin ich an der nächsten Station. 37 Kilometer geschafft und ich bin richtig fit. Es gibt nur schnell eine Banane im Stehen, dann geht es weiter. Jetzt bloß nicht gemütlich hinsetzen und müde werden.

23:45 Uhr: Seit längerer Zeit ist es stockdunkel und die Gruppen verteilen sich immer mehr. Alleine weitergehen traue ich mir jetzt nicht mehr zu. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Ich schließe mich 2 Mädels an, die schon auf der ersten Etappe immer vor mir gegangen sind, werde herzlich aufgenommen und wir unterhalten uns immer wieder.

1 Uhr nachts: Langsam kommt die Müdigkeit und der Blick auf die Uhr findet allzu oft statt, während wir einmal zu oft stehen bleiben und pausieren. Das Losgehen fällt dabei jedes Mal ein kleines Bisschen schwerer. Es ist stockdunkel und so ist der Weg wenig abwechslungsreich. Immer wieder geht es mal bergauf oder riecht nach Kuhstall. Die Gedanken wandern immer öfter zum Bett.

3 Uhr morgens: Wir erreichen Kilometer 52 und damit die Zwischenstation, an der es Wasser gibt. Wir haben jetzt über die Hälfte der 100 Kilometer geschafft und ich bin bereits fast 10 Kilometer weitergekommen als im Training. Ich merke die Erschöpfung, aber der Sonnenaufgang in 2 Stunden motiviert mich. Noch 15 Kilometer bis zur nächsten Station. Nach einer viel zu langen Pause brechen wir auf und gehen weiter. Es wird immer kühler, die Pausen immer öfter, das weitergehen immer schwerer. Ich suche nach Gründen, weiterzugehen, nach der Motivation. Warum wollte ich hier noch mal teilnehmen? Die Antwort lautet dauernd, dass ich ins Bett will. Meine Gedanken konzentrieren sich auf die nächste Station und eine ausgiebige Pause dort, nach der ich über alles weitere entscheiden könnte.

5:40 am Morgen: Mittlerweile ist es hell und das tut unheimlich gut. Hilft aber wenig. Ich Kämpfe mit den Tränen, ich bin erschöpft und kann mich einfach nicht mehr motivieren. Eine ganze Weile sind wir schon ‚kurz vor Kochel‘, aber der Weg ist lang. Ich ergebe mich und rufe meinen Liebsten an, um mich abzuholen. In Kochel. Um 7. Bis dahin werde ich es schaffen, und dann wartet das Bett auf mich.

6 Uhr: Auf einmal führt der Weg in den Wald und es geht bergauf. Und weiter bergauf. Über Steine und Baumwurzeln. Mir kommen immer wieder die Tränen. Alles tut mir weh, ich bin müde, ich bin erschöpft. Ich kann kaum noch mein Ziel vor Augen sehen, ich denke nur daran, wie erschöpft ich bin. Dann geht es bergab, über Wurzeln und Stufen. Ich darf nicht wegrutschen und nicht stehen bleiben. Ich heule ununterbrochen, verliere andauernd fast das Gleichgewicht. Fühle mich hilflos. Da taucht die Hauptstraße auf und eine Bank. Ich setze mich hin und weiß, dass ich es nicht mehr zur Station schaffen werde. Ich schleppe mich noch zur Straße und verabschiede mich von den 2 Mädchen, die mit mir die gesamte Nacht gegangen sind. Sie haben mich motiviert und weiter gehen lassen. Gleichzeitig bin ich durch sie zu oft stehen geblieben. Aber die Motivation war entscheidend.

7 Uhr: An der Bushaltestelle warte ich auf meinen Abholdienst. Endlich komme ich auf die Idee, mal wieder etwas zu essen. Zu spät. Eine Stunde später liege ich endlich im Bett und weiß gar nicht, was am meisten weh tut.

Ein paar Stunden später: Auf Facebook sehe ich die ersten Erfomgsmeldungen aus dem Ziel. Die Enttäuschung in mir fängt an sich breit zu machen. Ich habe aufgegeben. Noch schlimmer wird es, als ich am selben Tag noch auf die Zugspitze fahre und merke, dass mein Kopf wieder in der Lage ist, stärker zu sein als die Schmerzen. Mir tat zwar alles weh, aber aufgegeben habe ich im Kopf. Vermutlich hätte mein Körper es geschafft. Aber ich habe aufgegeben. 600 Leute kamen ins Ziel, aber ich habe aufgegeben. Dass ich mein Ziel, den Sonnenaufgang erreicht habe, scheint nebensächlich. Ich möchte mich freuen, möchte Stolz sein, aber ich spüre nur Enttäuschung.

2 Tage danach: Meine Muskeln sind fast wieder fit, ich lerne damit zu leben, dass ich es nicht geschafft habe. 65 Kilometer in 15 Stunden ist eine grandiose Leistung. Ich gehe sogar mal wieder joggen und fühle mich energiegeladen und fit. Am liebsten will ich es nochmal versuchen. Noch dieses Jahr. Ich will es schaffen. Ich glaube jetzt, dass ich es schaffen kann. Vorher habe ich es nie wirklich geglaubt, aber jetzt glaube ich daran. Dass ich weiter gehen kann. Dass ich es irgendwann schaffen werde. Meine Motivation ist zurück, ich will mir beweisen, dass ich mit Niederlagen leben, aus ihnen lernen kann. Und es besser kann. Vielleicht melde ich mich sogar noch für einen Halbmarathon an. Ich dachte nie, dass ich das schaffen kann. Aber jetzt schon. Jetzt weiß ich, was mein Körper leisten kann, und was mein Kopf kann. Und wie viel mehr er noch kann, wenn ich an mich glaube und übe und geduldig bin.

Serie: Megamarsch München 2018 – 14 Tage vorher

Wanderrucksack

Sonntag, 29.04.2018, 2:30 morgens:

Bis zuletzt habe ich mich vor ihr gedrückt – der Nachtwanderung. Nachts ganz alleine unterwegs zu sein und ohne richtiges Ziel durch die Gegend wandern hat mich nicht wirklich angesprochen. Die Angst in mir sagte: Ach, du kriegst das auch ohne Übung hin. Ist doch nichts anderes als im Hellen. Dann habe ich mir gestern endlich die Stirnlampe gekauft. Nach einem ausgiebigem Abendessen und einem kleinen Nickerchen auf dem Sofa habe ich mich dann spontan aufgerafft, um wenigstens eine kleine Runde zu gehen.

Den Rucksack habe ich diesmal zuhause gelassen, ebenso die Funktionskleidung. Einzig meine Socken und Schuhe habe ich angezogen und mein Handy und die Stirnlampe mitgenommen. Die Strecke habe ich in zwei Abschnitte aufgeteilt: einen mit Laternen und einen ohne. Also ging es ab ins Naturschutzgebiet, in dem kein Licht brennt und von dem ich mich im Dunkeln normalerweise fernhalte. Rechts und links Bäume und Felder, die von einem dichten Dunst bedeckt sind, der die Sicht selbst mit Lampe kaum zulässt. Mal knackt es, dann schreit ein Vogel, dann wieder hört man ein Schaf oder ein Pferd. Immer wieder bleibe ich stehen, sehe mich um und lausche. Ziemlich gruselig und doch gut zu wissen, was mich an Streckenabschnitten abseits der Straßen erwartet. Hoffentlich finde ich Begleitung, sodass ich da nicht alleine durch muss.

Die zweite Hälfte der Strecke ging dann an Straßen entlang, die gut beleuchtet sind. Die Stirnlampe konnte ich abschalten und ich entspannte mich merklich. Da ich auch schon öfter im Dunkeln Joggen gegangen bin, stört es mich prinzipiell nicht. Das wird zu schaffen sein. Knappe 10 Kilometer bin ich gegangen, einfach um die Erfahrung in der Dunkelheit zu machen. Ich habe ausgerechnet, dass die Sonne 9 Stunden lang nicht scheint beim Megamarsch, 9 Stunden im Dunkeln. Wenn man die Ruhezeiten an den Versorgungsstationen sowie die Dämmerung mitberechnet, sind es wohl 7 Stunden wandern in der Finsternis. Falls ich so lange durchhalte. Falls ich nicht bei 40 km aufgeben muss.

Die Nervosität steigt langsam, ebenso wie die Vorfreude. In der Facebook Gruppe ist wahrzunehmen, dass viele Teilnehmer deutlich weitere Trainingsstrecken in viel kürzerer Zeit zurücklegen. Dazwischen ich. Unerfahren, neugierig, verrückt. Die Wettervorhersage prüfe ich täglich und bange zwischen Dauerregen und prallem Sonnenschein bei Sommerhitze. Je wärmer es ist, umso mehr Durst kriege ich. Je mehr es regnet, umso unangenehmer und nervenaufreibender wird es. Aber abwarten, was das Wetter so bringt. Ändern lässt es sich sowieso nicht.

Ich habe das Gefühl zu wenig trainiert zu haben, aber mir war es wichtig, meine Blasen verheilen zu lassen. Dazu kam dann im Urlaub noch Fieber, von dem ich mich auch lieber noch einen Tag mehr erholen wollte. Das wichtigste beim Megamarsch ist es, in einer guten körperlichen Verfassung zu sein. Der Rest ist der Kopf, und für den werde ich mir Ziele setzen und die Motivation anregen. Ich denke, in einer Gruppe würde ich weiter kommen. Wenn da jemand ist, der weitergeht, der dich ablenkt von den Schmerzen. Ich hoffe, ich kann mich irgendwo anschließen.

Vielleicht steht am 1. Mai noch eine letzte Trainingswanderung an. Am Wochenende vorher wird der Körper dann geschont. Keine neuen Blasen mehr vorher. Keine wunden Füße und schwere Beine. Am Donnerstag nächste Woche geht es dann auf nach München, ich freu mich jetzt schon. 🙂

Serie: Megamarsch München 2018 – 5 Wochen vorher

Wanderrucksack

Sonntag, 08.04.2018:

7 Uhr morgens: Der Wecker klingelt, der Himmel ist strahlend blau und in der Luft liegt bereits die Andeutung eines warmen, sommerlichen Tages. Beste Voraussetzungen also für ein gutes Training. Im Gegensatz zu den letzten Malen bin ich etwas aufgeregt.

Vielleicht, weil ich nicht von zu Hause aus losgehe, sondern mit der Bahn anreise.
Vielleicht, weil ich tatsächlich einen Wanderweg mit Unebenheiten und Steigungen bewältigen werde.
Vielleicht, weil die Bilder meiner Wanderstrecke einfach atemberaubend schön aussehen. Vielleicht, weil meine Blasen leider immer noch nicht verheilt sind.
Vielleicht, weil 40 km ziemlich viel klingen, wenn man nach 30 km schon erschöpft ist.

Etwas Aufregung und Respekt können jedoch nicht schaden. Bepackt mit Blasenpflastern, 2,5 Litern Wasser und belegten Brötchen sowie Obst und Gummibärchen sitze ich eine Stunde später in der Bahn. Mein heutiges Ziel: der Heidschnuckenweg. Geplant sind Etappe 1 (Fischbeker Heide – Buchholz, 26 km) und Etappe 2 (Buchholz – Handeloh, 15 km). Von der S-Bahn zum Wanderweg stehen ebenfalls 2 km an, was in der Summe 43 km macht.

Der Start des Heidschnuckenwegs begrüßt mich mit der Schönheit der Fischbeker Heide, eine absolute Empfehlung, auch für kürzere Wanderungen. Die sanften, von Heide bewachsenen Hügel, durchsetzt mit jungen und alten Kiefern, lassen mich vergessen, dass ich mich noch in Hamburg befinde. Ich stecke mein Handy weg und beschließe den Kennzeichen am Weg zu folgen. Guter Plan – schlechte Umsetzung. Man sollte auch den richtigen Pfeilen folgen. Nachdem ich zum Weg zurückgefunden habe, folge ich dann den richtigen Zeichen und wandere munter den Weg entlang. Ich genieße die Freiheit in der Natur und fühle mich wie im Urlaub.

Fischbeker Heide

Fischbeker Heide

Wegmarkierung

Die Fischbeker Heide wird von einem Wald abgelöst. Die Wege sind von Wurzeln durchzogen und ich muss gut auf meine Schritte achten. Immer wieder geht es ein Stück steil hinauf und wieder hinunter. Bergauf keuche ich ganz schön, aber meine Beine machen gut mit und der abwechslungsreiche Weg ist angenehm.

Etliche Kilometer später wird der Wald von Wiesen und Feldern, Autobahnen und Orten abgelöst. Dieser Teil der Strecke ist zwar eigentlich weniger anstrengend, zehrt aber mehr an den Nerven und der Kopf fängt an sich zu wünschen, dass es nicht mehr so weit sei bis Buchholz. Ich spüre meine Blasen immer mehr und rolle meinen Fuß Kilometer um Kilometer verkehrt ab, was ich wiederum in meinen Beinen spüre.

Bei Kilometer 25 gönne ich mir meine erste richtige Pause, fast eine halbe Stunde sitze ich in der Sonne. Ich ziehe die Schuhe aus, wechsele die Blasenpflaster und versuche mich nicht abschrecken zu lassen von der Größe meiner Blasen. Es wird etwas gegessen und getrunken und neue Kraft gesammelt. Die Erschöpfung in den Beinen ist bereits jetzt deutlich zu spüren, die Steigungen haben gut dazu beigetragen. Kaum erholter geht es danach weiter.

5 km später habe ich Buchholz erreicht. Ich schleppe mich mehr durch die Innenstadt als dass ich gehe und habe nicht einmal die Motivation nach einer Eisdiele zu schauen, obwohl das Wetter geradezu nach einem Eis schreit. Hinter dem Bahnhof ist die erste Etappe dann offiziell geschafft und auf meinem Handy sind bereits 30 km zu sehen, dank meines Umwegs in der Heide. Eigentlich möchte ich aufgeben, ich sitze leidend am Straßenrand und will nie wieder aufstehen. Der Bahnhof liegt direkt vor mir, dort könnte ich mich in einen Zug setzen. Aber dann würde ich im Zug sitzen statt in der Sonne zu sein und von irgendwo erwacht wieder mein Ehrgeiz. Entgegen aller Vernunft entscheide ich mich weiter zu gehen.

Ab hier ist jeder Kilometer eine Qual, immer öfter setze ich mich hin und trinke etwas, das Wasser geht zur Neige. Wie ein Mantra sage ich mir, dass ich bloß einen Fuß vor den anderen setzen muss, nichts weiter. Ich schaffe 5 km, dann 10 km. Zwischendurch kommen mir die Tränen in die Augen, aber ich gehe weiter. Alles schmerzt und ich weiß nicht mehr, warum ich mir das überhaupt antue. 2 km habe ich noch vor mir. Ich weiche vom Wanderweg ab und wähle den kürzesten Weg in Richtung Bahnhof. 1 km vor dem Ziel finde ich eine Bank an der Hauptstraße und beende meine Wanderung, ich werde abgeholt. Die Motivation, doch noch bis zum Etappenschild zu gehen kann ich einfach nicht aufbringen.

Brunsberg

Brunsberg

Ich bin K.O. und auch irgendwie enttäuscht und hoffnungslos. Dann sehe ich mir die Daten an. Ich bin fast 44 km gewandert, das sind 14 km mehr als beim letzten Mal. Insgesamt bin ich 600 Meter und hoch und wieder runter gelaufen. An einem Punkt, an dem ich eigentlich nicht mehr konnte, bin ich noch 14 km weiter gelaufen. Trotz meiner häufigen Pausen war ich immer noch in dem Zeitrahmen, in dem ich 100 km in 24 Stunden schaffen würde. Ich war komplett alleine unterwegs und habe ich mich doch so weit durchgeschlagen. 2 Tage später ist der Muskelkater zwar noch deutlich spürbar, aber er ist vereint mit Stolz. Und der Ehrgeiz ist wieder erwacht.

Vielleicht schaffe ich beim Megamarsch 60 km.
Vielleicht finde ich eine Gruppe, der ich mich anschließen kann und die mich mitzieht.
Vielleicht haben die 10 km, die eigentlich nicht mehr gingen, einen guten Trainingseffekt erzielt.
Vielleicht darf mich allein die Tatsache, dass ich mich freiwillig diesem Training unterziehe, diese Disziplin aufbringen kann und über 40 km alleine gewandert bin, verdammt stolz machen.

Eine längere Trainingswanderung steht nicht auf dem Plan, ob ich eine Nachtwanderung mache, weiß ich noch nicht. Alleine nachts fühle ich mich nicht richtig sicher, ich habe Angst. Aber wenn ich meine Gedanken gut genug steuern kann, dann kann ich auch nachts weiterlaufen. Zunächst versuche ich, meine Blasen auszukurieren, auch wenn ich dafür auf eine Trainingseinheit verzichte. Meine nächste Wanderung wird vermutlich im Urlaub in Portugal stattfinden – nicht die schlechteste Aussicht. Bis dahin erhalte ich mir das gute Gefühl, bereits jetzt schon Unglaubliches erreicht zu haben.