Ich möchte frei sein – Gedanken während einer Zugfahrt

Ich glaube, ich habe heute etwas verstanden. Frei sein ist nicht nur ein Zustand, es ist eine Einstellung. Frei sein muss man wollen. Frei sein muss man annehmen. Frei sein bedeutet nicht automatisch, dass alles einfacher wird. Frei sein ist eine Chance, die man nutzen kann. Ich bin jetzt frei. Ohne Wohnung, bald ohne Job, mit wenig Gepäck unterwegs. So frei wie man physikalisch nur sein kann.

Aber bedeutet es, dass ich von heute auf morgen weiß, was ich mit meiner freien Zeit anfangen soll? Sorgt es dafür, dass alle meine Sorgen sich sofort auflösen? Lässt es mich ununterbrochen lachend durch die Gegend laufen? Die Antwort lautet Jein.

Natürlich habe ich Ideen und Träume, wie ich meine Zeit nutze. Herauszufinden, was ich wirklich will, wird sich aber nicht sofort ergeben. Das erfordert Mut, Leidenschaft und Zeit. Es erfordert, Fehler zu machen und daraus zu lernen, mich aber nicht zurückhalten zu lassen. Weiterzumachen, mit mir selbst auskommen und Langeweile auszuhalten.

So habe ich definitiv weniger Dinge, über die ich mir Sorgen machen kann. Ob ich aber aufhöre, mir Sorgen über die bleibenden oder kommenden Dinge zu machen, das ist eine Entscheidung. Ich kann frei sein und mir weiterhin Sorgen machen oder ich genieße das frei sein und löse Probleme, wenn sie auftauchen. Der Weg zur zweiten Option ist für mich kein einfacher, aber ich habe den ersten Schritt gemacht und taste mich langsam vor.

Und natürlich laufe ich nicht ununterbrochen lachend durch die Gegend. Niemand ist immer glücklich, niemand lacht immer. Es ist jedoch wieder meine Einstellung, ob ich das positive oder das negative sehe. Ob ich das frei sein aufs Vollste auskoste oder ob ich mich selbst zurückhalte.

Aktuell schreibe ich meinen ersten Blogpost von einem Zug aus. Der Grund: ich möchte nicht im Zug sitzen und warten, dass ich ankomme. Denn wenn ich so lebe, dann komme ich an, ohne weitergekommen zu sein. Dann verbringe ich meine Freiheit mit warten. Ich möchte nicht mehr warten. Ich möchte das Leben genießen. Ich möchte mutig und leidenschaftlich sein, ich möchte Fehler machen und ich möchte frei sein und das frei sein fühlen. Und mal ehrlich: Deutschland hat so viel schöne Landschaft zu bieten, die man vom Zugfenster aus beobachten kann. Wäre doch schade, das zu verpassen, weil man nur darauf wartet, anzukommen.

Zwischen Möbeln, Staub und Kartons – Zwei Wochen bis zum Auszug

Da hatte ich mir fest vorgenommen, nun öfter hier zu schreiben und was passiert: Nichts. Ein großes Nichts, das ich lieber mit Lesen, Grey’s Anatomy (gute Idee, eine Serie mit 15 Staffeln anzufangen, während man eine Wohnung ausräumt) und wie wild von rechts nach links durch meine Wohnung rennend fülle. Aber ich mich aktuell nicht wirklich in Marathon Verfassung fühle (der Spaziergang zum Rewe zählt aktuell schon fast als Sport), hat auch das irgendwann ein Ende und ich muss mich mal hinsetzen. So sitze ich nun hier, auf dem Boden meines Schlafzimmers, mit dem Rücken an mein Bett gelehnt.

Weniger als zwei Wochen kann ich noch hier sitzen und vielleicht weniger als 48 Stunden an dieses Bett gelehnt. Vielleicht aber auch noch eine weitere ganze Woche. Mal läuft das Möbel verkaufen gut und mal läuft es schleppend. Das Bett ist eher der Fall schleppend, was meinen Rücken natürlich freut, den Zeitplan aber leicht stresst. Nun ist es nicht mehr lange, in knapp zwei Wochen werde ich aus dieser Wohnung ausgezogen sein. Die meisten meiner Möbel habe ich tatsächlich schon verkauft und erstaunlicherweise fehlt mir kaum etwas. Je leerer die Wohnung wird, umso mehr kann ich die Freiheit riechen. Je mehr sich die Reisekasse aus den Verkäufen füllt, umso länger kann ich die Freiheit möglicherweise genießen.

Das Verkaufen und aussortieren fühlt sich mittlerweile fast wie Arbeit an. Ich führe schriftliche Korrespondenz, prüfe 100 Mal täglich mein Postfach, versuche Termine möglichst effizient ohne Überschneidungen auszumachen und Preise zu verhandeln. Telefonate führen, Verträge kündigen, Ämter bezirzen, informieren, entscheiden. Sortiere meine eigenen Sachen in 3 Kategorien: Behalten, Verkaufen, Wegwerfen. Versuche so weit es geht zu reduzieren, jedes einzelne Teil meines Kleinkrams zu betrachten und einzuordnen. Zwischendurch Löcher in der Wand füllen, Wände streichen, putzen, wischen, saugen.

Doch obwohl es anstrengend und stressig ist, ich keinen Plan B habe und es mich manchmal nervt, so macht es doch auch Spaß. Bei Erfolgen tanze ich durch mein Wohnzimmer, in dem immer mehr Platz zum tanzen ist. Ich trinke hier und da ein Bier auf die Freiheit. Irgendwie übernehme ich sogar richtig viel Verantwortung für mein Leben. Was witzig ist, weil das Ziel ist, für eine Weile weniger Verantwortung zu haben. So ist das wohl im Leben, man bekommt die Dinge nicht umsonst, man muss dafür etwas tun. Und manchmal muss es vielleicht erst einmal schwerer werden, damit es danach einfacher wird. Ich hätte gedacht, dass es mich stört, aber es erfüllt mich. Ich habe das Gefühl, dass ich gerade eine wahnsinnig wichtige Erfahrung mache und nebenbei noch viel über mich, über das Leben und alles mögliche andere lerne.

In zwei Wochen geht meine Reise in die nächste Phase, aber jetzt bin ich noch im hier und jetzt. Zwischen Möbeln, Kartons und Staub auf dem Boden. Genau hier fühle ich mich gerade auch wohl. Ich hoffe ihr fühlt euch hier mit mir wohl und begleitet mich auch bei den nächsten Schritten und auf den nächsten Wegen, die ich gehe.

Wohnung auflösen: Das Abenteuer hat längst begonnen

Ich habe die ganze Zeit gedacht, ich würde mich gerade einfach nur auf ein Abenteuer vorbereiten. Wer hätte gedacht, dass ich bereits mitten drin bin? Vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal etwas auf eBay verkauft und jetzt passiert das mehrfach pro Woche. Meistens kleine Sachen für wenig Geld, aber mit jedem Schritt komme ich der Wohnungsauflösung ein kleines bisschen näher. Und all meine Sachen durchzusehen, auszusortieren und dann um Preise zu feilschen ist ein ganz schönes Abenteuer.

Neulich gab es Besichtigungen für meine Wohnung und mehrfach kam der Kommentar: „Du hast ja so viele Bücher!“ Das war der Stand, nachdem ich bereits diverse Exemplare zum Verkauf eingeschickt hatte, vermutlich um die 50. Ich habe meine Bücher nie gezählt, aber erst jetzt ist mir bewusst geworden, wie viele es wirklich sind (ich habe sie auch jetzt nicht gezählt, aber sie werden optisch einfach kaum weniger). Wie werde ich sie jetzt also alle los? Die Antwort gab mir Anfang der Woche ein Freund. Stichwort: Bücherschrank. Überall in Frankfurt, und auch bei mir in der Nähe, gibt es sogenannte Bücherschränke. Gratis Bücher reinstellen, gratis Bücher mitnehmen. Ganz wonach man Lust hat. Deswegen habe ich jetzt einen Plan: Jeden Tag ein paar Bücher in meinen Rucksack packen, einen kleinen Spaziergang machen und die Bücher in den Bücherschrank stellen. Und meine Bücher kommen scheinbar gut an: Heute war keins der gestern hinein gestellten mehr vorhanden. Nachteil: Heute konnte ich nicht widerstehen und habe 3 neue Bücher mitgenommen. Aber die kann ich nach dem Lesen ja direkt wieder abgeben. Das ist eine super Sache.

Während ich mit der Buchsache mittlerweile ganz gut abgefunden habe, ist das mit meinen Schuhen eine ganz andere Sache. Aus irgendeinem wenig nachvollziehbaren Grund habe ich emotionale Bindungen zu Schuhen, die ich aus diversen Gründen so gut wie nie trage. Und jedes Mal, wenn ich daran denke, sie auszusortieren, möchte ich am liebsten weinen. Auf der anderen Seite stehen die Schuhe, die ich so oft trage, dass sie vermutlich irgendwann auseinander fallen und die ich aber auch auf jeden Fall behalten möchte. Wenn ich auf mein Bauchgefühl höre, habe ich bald eine Kombination aus untragbaren ungetragenen und untragbaren kaputten Schuhen. Die perfekte Lösung habe ich leider noch nicht, die finale Entscheidung steht noch aus. Außerdem weiß ich ja auch noch gar nicht, wie viele Paare ich überhaupt behalte, da kann man ja gar nicht die richtige Auswahl treffen. Ob mit einer Tasche voll mit nicht tragbaren Schuhen zu reisen wohl eine gute Idee ist?

Das bringt mich direkt zu dem nächsten Abenteuer: Kleidung aussortieren. Ich würde behaupten, dass ich bereits 2/3 meiner ursprünglichen Menge aussortiert habe. Mindestens die Hälfte davon habe ich sowieso nie getragen und vermisse sie tatsächlich nicht. Bis vielleicht auf die Jeansshorts, in die ich seit drei Jahren nicht mehr hinein passe. Die ist doch so schön! Die andere Hälfte ist der Hauptgrund, dass die aussortierte Kleidung immer noch in meiner Wohnung campiert: Falls mir davon doch etwas fehlt, habe ich jetzt noch die Möglichkeit, es zurück in den Kleiderschrank zu legen. Glücklicherweise ist das noch nicht passiert! Darüber, dass ich von dem 1/3 behaltener Kleidung vielleicht noch einen weiteren Teil aussortieren muss, weil es immer noch ziemlich viel ist, denke ich aktuell noch lieber nicht so genau nach.

Das Abenteuer hat also schon lange begonnen. Und auch wenn sich das meiste eher witzig anhört, so hab ich doch auch viele wirklich emotionale Momente. Da gehe ich spazieren, blicke auf den Taunus und muss die Tränen aus den Augenwinkeln wegblinzeln. Meine Bilder von den Wänden zu nehmen tat mir fast körperlich weh, das hat der Wohnung so viel Persönlichkeit genommen. Gleichzeitig macht es die Wohnung wieder mehr zu einer Wohnung und weniger zu einem zuhause und das macht es auf Dauer einfacher, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Den Gedanken, dass ich in siebeneinhalb Wochen aus dieser Wohnung ausziehe. Mit einem Rucksack, einer Tasche und nur ein paar wenigen Umzugskartons, die alle in ein Auto passen sollen. Das ist beängstigend und gleichzeitig so aufregend – ein Abenteuer eben!

Die Angst vor dem Loslassen – und wie ich mit ihr umgehe

Kennt ihr dieses Gefühl, das sich einstellt, kurz bevor ihr etwas ändert? Dieses Gefühl, dass euch aufzeigen will, wie schön doch alles aktuell gerade ist und die Veränderung absurd erscheinen lässt? Bei mir ist das sehr ausgeprägt. Das beste Beispiel ist immer ein Frisörbesuch. Seit Wochen bin ich unzufrieden mit meinen Haaren und habe das dringende Bedürfnis etwas zu verändern. Also vereinbare ich einen Termin beim Frisör. Ich male mir aus, wie gut ich danach aussehen werde und wie wohl ich mich mit meinen kürzeren Haaren fühlen werde. Wenn der Tag dann gekommen ist, fällt es mir plötzlich schwer mich zu erinnern, warum ich es für eine gute Idee gehalten habe. Ich schaue mich im Spiegel an, immer wieder, und hänge plötzlich ganz furchtbar an meiner jetzigen Frisur, meiner Haarlänge. Der Ist-Zustand, der mich eigentlich nicht zufrieden stellt, aber aus Angst vor der bevorstehenden Änderung auf einmal zur unerreichbaren Perfektion anwächst. Trotzdem sage ich meine Frisörtermine nicht ab, denn zum Glück weiß ich, wie unglaublich gut ich mich hinterher immer fühle. Wenn die Haare ab sind und ich keine Angst mehr davor haben muss, sie loszulassen zu müssen.

Nun habe ich jedoch nicht vor, meine Haare ein paar Zentimeter kürzer schneiden zu lassen. Stattdessen ist mein Ziel, ein paar Monate ohne feste Wohnung und ohne Job herauszufinden, was ich vom Leben will. Und im Gegensatz zum Frisörbesuch ist das kein Ereignis, das mehrfach pro Jahr stattfindet und mit dem ich Erfahrung habe. Das Gefühl jedoch kommt mir sehr bekannt vor. Meine Wohnung kommt mir noch viel schöner vor, jede Straße und jeder Baum dieser Stadt wecken Erinnerungen und das Treffen mit Freunden lässt mir schmerzlich klar werden, was bald nicht mehr so einfach möglich sein wird. Kurzum, ich sehe besonders die schönen Dinge, und gerade in diesen Momenten, wo alles perfekt scheint, kommt mir meine Idee absurd vor.

Das Gute ist, dass mich das nicht überrascht. Und dass ich dieses Gefühl mittlerweile da einordnen kann, wo es hingehört. In die Kategorie: Angst vor dem Loslassen. Es gibt hauptsächlich drei Faktoren, die mir helfen die Angst als solche zu erkennen und ihr nicht zu viel Macht zu verleihen:

1. In meinen Augen scheint zwar gerade vieles besonders schön zu sein, nicht aber mein Job. Ich zweifle vielleicht daran, ob es richtig ist, keinen Job zu haben. Aber ich zweifle nicht daran, dass es richtig war, diesen Job zu kündigen. Ich fühle mich einfach nicht gut damit. Er stresst mich, er macht mich unzufrieden, er zieht mich runter.

2. Meine Frisörbesuch-Metapher. Ich habe zwar keine Erfahrung mit solch weitreichenden Veränderungen, aber ich greife einfach auf Erfahrungen aus anderen Bereichen zurück. Vielleicht ist der Unterschied zwischen dem Frisörbesuch und meinem jetzigen Abenteuer gar nicht so groß. Vielleicht habe ich mehr Angst vor dem Loslassen als notwendig. Ich rechne einfach mal damit, dass ich mich nach dem Loslassen genauso befreit fühle wie nach einem Haarschnitt, nur eben im größeren Kontext. Wissen kann ich es nicht, aber was ist schon sicher im Leben?

3. Wenn ich die Veränderung jetzt nicht vornehme, dann werde ich mich weiterhin fragen, wie es wohl wäre. Selbst wenn es stimmt, und mein Herz nur in Frankfurt zuhause ist, so muss ich diesen Schritt wagen, um es herauszufinden. Und das lieber früher als später.

Das alles fällt mir nicht einfach, aber schon kleine Schritte haben mir gezeigt, dass dieser Weg funktionieren kann. Mittlerweile habe ich ein paar kleinere Gegenstände aus meiner Wohnung weggeben oder verkauft. Kurz davor war ich manchmal traurig, aber jetzt fühlt es sich gut an. Ich fühle mich weniger abhängig von meiner persönlichen Verbundenheit zu diesen Gegenständen, ich fühle mich freier und bin stolz auf mich, einen weiteren kleinen Schritt in Richtung Abenteuer gegangen zu sein. Der bisher größte Schritt nach den Kündigungen war das Verkaufen meines Autos. Ich habe nicht lange gezögert, sondern es so schnell wie möglich hinter mich gebracht. 7,5 Jahre hat es mich begleitet: Durch das Ende der Schulzeit, mein Studium, meinen Umzug nach Frankfurt. All diese Erinnerungen gingen auf der Fahrt zum Verkauf durch meinen Kopf. Nichts davon war auf dem Rückweg, den ich dann zu Fuß bewältigt habe, noch wichtig. Im Gegenteil, da war eine Leichtigkeit und die Zufriedenheit darüber, eine kleine Wanderung durch Frankfurt unternehmen zu können.

Wie ich mit der Angst vor dem Loslassen aktuell also umgehe? Ich lächle ihr entgegen, während die Tränen aus meinen Augen kullern. Während ich um das weine, was ich glaube zu verlieren, denke ich an das Gefühl, das sich nach dem Loslassen vermutlich einstellen wird. Und vor allem lasse ich das Gefühl zu. Ich darf Angst haben. Ich darf traurig sein. Ich darf meine Wohnung, meine Stadt, meine Abende mit Freunden vermissen. Denn das zeigt mir, dass ich nicht nur von etwas weglaufe, sondern vor allem auf etwas zu. Dass ich nicht alles hinter mir lasse, weil es schlecht ist, sondern primär um Raum für Neues zu schaffen. Dass es es nicht nur schwarz und weiß, richtig und falsch gibt, sondern eine riesige Palette an Gefühlen dazwischen. Und all das und noch viel mehr kann ich auf meiner Reise lernen und erleben.

There is no life at the comfort zone (…und wie ich vorhabe sie zu verlassen)

Ich weiß nicht, ob ich hier schon jemals so offen war. Aber offen sein ist auch ein Teil davon, sich außerhalb der Comfort Zone zu bewegen. Eine Entscheidung treffen, auch wenn vielleicht nicht jeder sie verstehen kann. Deswegen erzähle ich heute davon, was dieser Satz wirklich für mich bedeutet und wie er es überhaupt geschafft hat, diese Bedeutung für mich zu bekommen. Denn noch vor ein paar Monaten wäre es für mich wohl nur ein Spruch gewesen, der sich nett anhört und eine gute Instagram Caption ergibt.

Vor zwei Wochen habe ich meinen Job gekündigt. Einen gut bezahlten Job, der in ein paar Jahren zu einem Job mit einer noch besseren Position und einer noch höheren Bezahlung hätte führen können. Diese Woche werde ich meine Wohnung kündigen. Eine schöne 2-Zimmer-Wohnung, nicht weit von der Frankfurter Innenstadt entfernt, trotzdem nahe am Grünen, mit einem Südwest-Balkon und einer Badewanne. Nächsten Monat werde ich mein Auto verkaufen. Das Auto hat mich nun 7 Jahre lang begleitet und es war immer da, wenn ich es brauchte. Noch etwas später werde ich mein Bett verkaufen. Ein Traum von einem Bett, mit 1,60cm Breite, das in meinem blau gestrichenen Schlafzimmer steht, das ich nach all meinen Wünschen eingerichtet habe. Ich werde nach und nach die meisten meiner Bücher verkaufen und verschenken. Die Bücher, die eine komplette Wand an Billy-Regalen ausfüllen und die ich so sehr liebe. Übrig bleiben werden einige Kisten mit den wichtigsten Büchern, der wichtigsten Kleidung und Gegenständen, auf die ich nicht verzichten kann. Dazu eine Reisetasche.

Wieso ich mich von all diesen Dingen trennen möchte, obwohl sie mir doch scheinbar eine Menge bedeuten? Genau hier kommt der Satz „There is no life at the comfort zone“ ins Spiel. Seine Bedeutung für mich? Ganz einfach, er hilft mir das alles durchzuziehen. Ja, es ist schwer. Ja, ich habe fast geweint, als ich meinen kleinen Olivenbaum nach fast zwei Jahren weggegeben habe. Aber es ist nur eine Pflanze, nur eine Wohnung, nur ein Job. Nichts, was mich glücklich genug gemacht hätte, um mich nicht davon zu verabschieden. Denn mein Job macht mich aktuell nicht mehr glücklich. Er sorgt dafür, dass ich gereizt bin, dass ich unglücklich bin. Mir fehlt der Sinn, die Bedeutung, in dem, was ich jeden Tag, jede Woche dort tue. Meine Wohnung ist schön, aber sie ist teuer und hält mich nur davon ab, wirkliche Abenteuer zu erleben. Und der Olivenbaum? Davon finde ich in Südeuropa sicher unzählige in freier Natur.

Seit ich mich erinnern kann, habe ich bis auf wenige Ausnahmen immer den Weg verfolgt, der mich an den jetzigen Punkt gebracht hat. Gute Noten in der Schule, ein solides Studium, einen guten Job. Nur habe ich die meiste Zeit vergessen zu hinterfragen, was ich mache, wenn ich das erreicht habe. 6 Wochen im Jahr in den Urlaub fahren, ein teureres Auto kaufen, eine größere Wohnung mieten? Ich dachte wohl immer, dass es genau das ist, was mich glücklich macht. Aber jetzt reicht es mir nicht mehr. Jetzt habe ich in meiner Zeit auf den Kanaren erlebt, wie es sich anfühlt, verrückt zu sein. Ich habe so viele Menschen getroffen, die mich inspiriert haben. Ich habe die Freiheit gespürt. Mir ist bewusst geworden, wie wenig mich mein Job erfüllt. Und dann dachte ich: Da muss noch mehr sein. Was, wenn ich mutig bin? Was, wenn ich es wage? Was, wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben nur das Ziel habe, mich selbst besser kennen zu lernen und nichts zu erreichen? Was, wenn ich die nächste Entscheidung jetzt noch nicht treffen möchte?

Ich weiß nicht, ob ihr den Film „Briefe an Julia“ kennt, einer meiner Lieblingsfilme. Dort schreibt Amanda Seyfried eine Antwort an eine alte Dame, die vor vielen Jahren einen Brief an Julia geschrieben hat und sie um Rat bezüglich ihrer Liebe gefragt hat. In dieser Antwort gibt es nun eine Stelle, die ungefähr so lautet: Was und Wenn sind zwei harmlose Wörter. Aber setzt man sie nebeneinander, haben sie plötzlich die Kraft, einen den Rest seines Lebens zu verfolgen.
Ich möchte von meinen „was, wenn“-Fragen nicht den Rest meines Lebens verfolgt werden. Ich möchte sie erkunden, erleben, ausprobieren. An ihnen wachsen, von ihnen lernen und mit ihnen Fehler machen.

Vielleicht wird das die größte Reise meines bisherigen Lebens. Ich kenne nicht ihren Ablauf, nicht ihr Ziel. Weder weiß ich, wen ich unterwegs treffen werde, noch, wann und wo ich über mich hinauswachsen muss. Aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich den Mut, es herauszufinden. Ich werde mich auf diese Reise begeben und ich möchte hier von dieser Reise erzählen. Wie genau es ab Mitte Mai weitergeht erzähle ich ein anderes Mal, wenn meine wilden Ideen etwas geordnet sind, wenn ich so was ähnliches wie einen Plan habe. Nur etwas ähnliches, keinen festen Plan. Denn ich möchte mich vom Leben überraschen und mitreißen lassen, ich möchte offen sein. Offen für das Leben und offen, mich besser kennen zu lernen.

Die Entscheidung, One-Way auf die Kanaren zu fliegen

Das Leben setzt sich im Grunde aus Entscheidungen zusammen. Eine Entscheidung führt zu nächsten. Dazwischen kann alles mögliche passieren. Dann ist eine neue Entscheidung nötig. Eine Entscheidung kann alles ändern oder nur eine Kleinigkeit. Sie kann sogar dafür sorgen, Dinge beizubehalten. Aber wir müssen sie treffen. Wenn wir sie nicht treffen, haben wir keine Kontrolle, ja keine Verantwortung über unser Leben.
Eine Entscheidung zu treffen kann dich entspannen, sie kann dich aufwühlen, sie kann dich aufgeregt stimmen oder traurig. Aber sie gibt dir Macht, Macht über dein Leben.

Meine Entscheidung am 8. Dezember 2020 hat für riesige Aufregung gesorgt, für Schmetterlinge im Bauch. Und niemals hätte ich gedacht, welche Entscheidungen sie nach sich ziehen würde. Welche Wege ich gehen würde. Welche Gefühle ich haben würde. Unendliche Zufriedenheit. Wahnsinnige Hilflosigkeit. Tiefe Traurigkeit. Riesigen Mut. Große Träume. Pures Glück. Geraubter Atem. Freudentränen. Stolz. Schmerz. Inspiration. Ich bin voll von Gefühlen und ich versuche nicht mehr, sie loszuwerden. Sie gehören zu mir. Meine Gefühle lassen sich nicht verstecken, sie sind ein Teil von mir, der heraus muss.

Und hier, auf den Kanaren, hier haben sie sich befreit. Sie sind explodiert in einer Stärke und Bandbreite, die mich einschüchtert, mir aber auch Energie gibt. Auf Fuerteventura. Erst alleine, dann zu zweit. Leidenschaft. Erlebnisse. Danach: Verzweiflung. Auf Lanzarote. Dann: Träume wieder entdecken. Träume aussprechen. Träume träumen. Erneut lächeln. Jeden Tag ein paar Minuten mehr. In mich hinein wachsen, über mich hinaus wachsen. Auf Gran Canaria. Vorsichtige Schritte in eine neue Richtung. Überwältig werden. Fliegen. Energie tanken, Energie anwenden. Große Entscheidungen treffen. Abschiede.

Und nun bin ich hier. Sechs Wochen sind vergangen und ich glaube nicht, dass ich wieder dahin zurück kann, wo ich mich vorher befand. Aus mir ist kein neuer Mensch geworden, aber ich bin mir näher gekommen. Noch lange nicht angekommen. Aber endlich auf den Weg gegeben. Einem Weg ohne konkretes Ziel. Einem Weg, auf dem der Weg das Ziel ist. Einem Weg, auf dem Träume nicht verrückt genug sein können und ernst genommen werden. Einem Weg, auf dem ich noch unendliche Male stolpern und fallen werde, am liebsten umkehren würde – zum Anfang, wo noch alles bekannt war. Doch ich werde aufstehen, nach vorne Blicken und irgendwie weiter gehen. Denn zurück möchte ich nicht mehr.

Wie meine nächste Entscheidung ausfallen wird, das weiß ich noch nicht. Denn sie fällt mir nicht einfach. Aber ich habe Vertrauen, dass ich sie treffen werde. Sie gehört zu meinem Weg und sie gibt mir die Macht zu bestimmen, wo der Weg hinführt. Vielleicht stolpere, hinke ich im Moment etwas. Vielleicht mache ich eine Pause. Vielleicht atme ich schwerer. Was auch immer mir hilft, auf dem Weg zu bleiben, ist erlaubt.

Mein Jahr 2020 – Gedanken und Gefühle

2020 – ein ganz besonderes Jahr. Ich möchte es nicht schöner darstellen als es war, aber über die schlechten Seiten haben wir in den letzten 12 Monaten wohl alle genug gesprochen. Es war das Thema, das jedes Gespräch bestimmt hat. Deswegen möchte ich nicht über das Virus, nicht über die Nachrichten und auch nicht über Lockdowns sprechen. Ich möchte über mein Jahr 2020 sprechen, das für mich ein ganz besonderes war. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Einschränkungen.

Wenn ich mein Jahr 2020 in drei Wörtern beschreiben müsste, dann wären es die folgenden: ehrlich, mutig, bedeutsam.

Warum ehrlich? Ich habe ehrlich eingesehen, dass ich etwas in meinem Leben ändern muss, wenn ich will, dass sich etwas ändert. Ich habe mir ehrlich eingestanden, mich völlig verliebt zu haben und genauso ehrlich, dass mein Herz nur zwei Tage später in eine Million Splitter zersprungen ist. Ich habe angefangen, mich ehrlich mit mir und meinen Träumen auseinander zu setzen, auch wenn noch ein weiter Weg vor mir liegt.

Warum mutig? Ich habe meinen Job gewechselt, worüber ich schon so oft nachgedacht hatte. Ich bin auf so viele Reisen gegangen – allein, zu zweit, in einer Gruppe – was jedes Mal eine andere Form von Mut erfordert hat. Nicht zuletzt die Reise nach Fuerteventura, die ich ohne Rückflug angetreten bin. Ich war verdammt mutig, als ich dem Verlieben, der sich anbahnenden Beziehung, eine Chance gegeben habe. Und es war noch viel mutiger, mich fünf Monate später erneut auf jemanden einzulassen und mein Herz zu öffnen, obwohl ich schon vorher wusste, dass es keine Zukunft gibt. Es fühlte sich wahnsinnig mutig an, mich an die Bootsführerscheine heran zu wagen. Mutig war und ist es auch, mir einen Coach zu suchen und gemeinsam mit ihm an mir zu arbeiten. Es ist mutig, eigene Entscheidungen zu treffen.

Warum bedeutsam? Ich weiß jetzt, dass ich noch fähig bin, mich zu verlieben. Ich weiß jetzt wie sich Liebeskummer wirklich anfühlt, wie er verschwindet und dass es niemals leichter wird, egal wie oft man es schon erlebt hat. Ich habe herausgefunden, dass er es wert ist. Ich weiß jetzt, dass ich tatsächlich Freunde habe, ich bin nicht allein. Ich weiß, dass ich mich ins Segeln verliebt habe. Ich weiß, dass ich oft mehr schaffe, als ich mir zutraue. Ich weiß, dass ich mich selbst manipuliere und an mir arbeiten muss, um an Träume glauben zu können. Ich weiß, dass es noch so viel mehr im Leben gibt, dass ich entdecken und ausprobieren möchte. Ich weiß, dass es sich lohnt zu kämpfen – für diese kleinen Augenblicke, in denen sich alles in einander fügt und mein Herz wild klopft.

Nun ist das Jahr fast zu Ende, obwohl es sich anfühlt, als hätte es gerade erst angefangen. Ich hatte so viele Ideen, so viele Pläne. Vieles ist weggefallen, hat sich geändert oder wurde durch Neues ersetzt. Nie hätte ich geglaubt, meinen Jahresrückblick von Lanzarote aus zu schreiben, das alte Jahr hier zu beenden, das neue hier zu beginnen. Nie hätte ich gedacht, diese Zeilen mit Blick aufs Meer zu schreiben.

Doch ich bin so dankbar. Dankbar, dass ich mir selbst diese Chance gegeben habe. Dass ich mich dafür entschieden habe. Dass ich all das erleben durfte, was ich erlebt habe. Bald beginnt 2021 und es ist für mich der erste Jahreswechsel im Ausland. Erwartungen habe ich keine, oder ich versuche zumindest, keine zu haben. Ich möchte um Mitternacht anstoßen. Eine Stunde später als ich es zuhause tun würde. Einen Kuss wird es nicht geben, wahrscheinlich. Aber dafür eine Umarmung einer guten Freundin. Könnte durchaus schlechter sein, viel schlechter. Also Cheers, auf das unperfekte Leben!

Rückblick 2018. Ausblick 2019.

Aufregend. Lebensverändernd. Berührend. Atemlos. Achterbahnfahrt. All diese Wörter beschreiben mein Jahr 2018 und treffen es zugleich doch nicht.

Ich habe meine Bachelorarbeit geschrieben. Mein Studium erfolgreich abgeschlossen. War Skifahren. Bin richtig im Berufsleben angekommen. War in Portugal. Habe mich an meinem ersten Megamarsch versucht und das Ziel nicht erreicht. Ich bin einen Halbmarathon gelaufen. War in Italien. Habe das Ende einer langjährigen Beziehung erlebt. Bin beruflich zwischen Hamburg und Frankfurt gependelt. Habe eine Wohnung in Frankfurt gefunden. Bin mit dem Auto alleine von Hamburg nach Frankfurt gefahren. Habe alleine ein Bett zusammen gebaut. Mein erstes Loch gebohrt und meine erste Lampe angeschlossen. Mir ein Zuhause in Frankfurt geschaffen.

So sehen die Fakten aus. Ganz schön viel für ein Jahr, finde ich. Allein daraus wird schon klar, wieso ich gerade diese beschreibenden Wörter ausgewählt habe. Aber noch deutlicher werden sie, wenn ich erzähle, wie ich dieses Jahr empfunden habe.

Ich dachte, ich würde an der Bachelorarbeit verzweifeln. Mir kamen die Tränen vor Glück als mir mein Zeugnis überreicht wurde. Habe das Adrenalin in jeder Faser meines Körpers gespürt als ich meine erste schwarze Piste gefahren bin. Ich bin an neuen beruflichen Herausforderungen gewachsen. War verzaubert von der Kraft und Weite des Atlantik und habe doch Italien in Portugal vermisst. Bin bei meinem Megamarsch durch die Hölle bis an meine Grenzen gegangen und darüber hinaus. Habe versagt und war doch unfassbar stolz auf meine Leistung. Ich bin 21 km gelaufen und auf der Zielgeraden gesprintet und habe mich so wahnsinnig gut gefühlt. In Italien habe ich einen Berg zu Fuß erklommen und stand mit klopfendem Herzen auf dem Gipfel. Das Gefühl hat mir den Atem geraubt und Freiheit geschenkt. Ich musste mit unendlichem Wehmut feststellen, dass nicht jede Liebe ewig hält. Ich durfte das Gefühl genießen, jede Woche mit dem Flugzeug abzuheben und über den Wolken zu sein. Ich habe mich in eine Stadt verliebt und mich dort mehr zuhause gefühlt als zu Hause. Erlebt, wie es sich anfühlt selbstbewusst zu sein und an sich zu glauben. Alleine etwas zu erreichen. Das erste mal meine Heimat wirklich hinter mir gelassen und alleine eine längere Autofahrt angetreten. Ich habe mich in Frankfurt glücklich und doch einsam gefühlt. Ich habe mir einen neuen Lebensabschnitt geschaffen und viel gelernt.

Wird es 2019 so weitergehen? Wird es ruhiger? Wer kann das schon sagen. Ich bin mir sicher, dass es ein Abenteuer wird. Nicht langweilig. Nicht perfekt. Aber es ist mein Leben und es ist einzigartig und ich will etwas Besonderes daraus machen. Ich möchte Sport machen und meine Grenzen ausloten. Verreisen und Ängste überwinden. Neue Leute treffen und bestehende Freundschaften pflegen. Ich möchte aus der Zeit das Beste machen, was mir möglich ist und nicht bereuen, etwas nicht getan zu haben.

Und nun wird gefeiert. Das Ende von 2018. Der Anfang von 2019. Prickelnder Sekt in unseren Gläsern, Freude in unseren Herzen. Auf 2019. Auf euch. Auf mich. Auf uns alle.